Holly Golightly

#124
Australien

Krokodile, tödliche Kreuzfahrt und das Ende der australischen Welt

  • Reisegeschichten
Ab nach "oben"

Nachdem wir in Cairns mal wieder viel Zeit in unseren launigen alten Schweden investiert haben, machen wir uns auf den Weg Richtung Norden – die Nordspitze Australiens will umrundet werden!

Unsere Wunsch-Route dorthin liegt zwischen dem Great Barrier Reef und dem Festland, ist sehr geschützt in Sachen Pazifikdünung aber nicht ohne, was Strömung und Riffe angeht. Was gut ist: Es gibt einige attraktive Möglichkeiten am Wegesrand mal einen Stopp einzulegen.

Küstensegeln vom Feinsten

Unser erster Pit-Stop wird Port Douglas sein, eine Superyacht-Marina (so ihr Name), in einer Art Flussmündung, ca. 30 sm nördlich von Cairns. Direkt vor der Hafeneinfahrt hat die Natur eine Untiefe platziert, um das Ankommen etwas spannender zu gestalten. Bei Ebbe passt Holly Golightly mit ca. 1,8 m Tiefgang eigentlich nicht über diese Sandbank, daher ist es wichtig bei einem höheren Wasserstand anzukommen. Außerdem informiert uns der Hafenmeister darüber, dass direkt vor den Stegen zwischen Hoch- und Niedrigwasser immer eine starke Strömung herrscht, die das Anlegen schwierig macht.

So kommt unterm Strich also eigentlich nur der Höchstwasserstand als Ankunftszeit in Frage – viel Wasser, keine Strömung – was das Timing der Anreise merklich verkompliziert.

Port Douglas – Flachwasser zur Begrüßung
Sandbank direkt an Steuerbord

Die Aussicht auf ordentlich Strömung beim Anlegen weckt beim Skipper Heimatgefühle an die Schlei und Zweifel in ihm, ob so ein „Aussie“ überhaupt weiß, was eine wirklich starke Strömung ist! Und es kommt, wie es kommen muss: Wir sind natürlich nicht zum idealen Zeitpunkt vor der Mündung – nur 30 Min. nach Niedrigwasser, was flaches Wasser und viel Strömung verspricht. Nach einer konstituierenden Sitzung an Bord beschließen die beiden Abgeordneten einstimmig, „es trotzdem zu versuchen“ und den Kampf mit den australischen Urgewalten aufzunehmen.

Wir nehmen also Kurs auf die Einfahrt. Und, wie könnte es anders sein, es kommen gleichzeitig noch drei High-Speed-Katamaran-Fähren von hinten angebraust und überholen uns kurz vor der kritischen Stelle. Da die lokalen Skipper der Fähren wissen, wo sie am meisten Wasser unter den Kielen haben, nehmen wir einfach den gleichen Weg wie sie und haben Glück – wir „rutschen“ mit einer Null auf dem Tiefenmesser über die flachste Stelle. Es ist geschafft, wir sind drin! Jetzt wartet nur noch die tückische Strömung beim Anlegen, vor der der Hafenmeister so ausdrücklich gewarnt hatte, auf uns.

Das Festmachen gelingt aber mühelos: Die versprochene, reißende Strömung entpuppt sich tatsächlich als harmlose Wasserbewegung! Alle, die schon mal in der Schlei bei Seitenströmung angelegt haben, hätten angesichts dieser Bedingungen nur gelangweilt mit der Schulter gezuckt – die australische Strömungsskala scheint zumindest hier, nicht ganz mit der in der Ostsee kompatibel.

Viel Platz für Holly
Eine Verwandte von Holly?
Manch Traum liegt hier begraben
Erst beobachten, dann …
… streeeeeeecken!!!

In Port Douglas, das ein nettes kleines Örtchen ist, beschließen wir zusammen mit Jacqueline, die schon vor uns hier festgemacht hat, einen Tauch- und Schnorchelausflug zum Great Barrier Reef zu unternehmen. Wir buchen also einen Tagestrip auf einer der hier zahlreich stationierten Katamaran-Schnellfähren und sind gespannt. Der Ausflugstourismus in Richtung Great Barrier Reef ist für Port Douglas die Einnahmequelle schlechthin. Ohne das weltberühmte Riff wäre hier mit Sicherheit der Hund begraben.

Einer der High-Speed-Kats, die zum Great Barrier Reef düsen

Früh morgens legen wir also ab und bewegen uns mit einer für uns völlig ungewohnten Geschwindigkeit durchs Wasser. Gut 25 bis 30 kn schaffen diese teils recht futuristisch aussehenden „Ausflugsboote“. Ca. eine Stunde später sind wir am Ziel und stürzen uns ins blaue Nass. Während Jacqueline und Franz als Flaschenkinder ihr Vergnügen im tieferen Blau suchen, bevorzugt Mareike das pure Schnorcheln, was sich am Ende als die schlauere Variante entpuppt. Leider ist das Wasser etwas trüb und der Reichtum an Fischen begrenzt. Wie wir später erfahren, ist es nicht die optimale Jahreszeit zum Tauchen in diesem Revier. Jacqueline verzichtet sogar auf den zweiten Tauchgang, den Franz aber noch mitnimmt.

Auf ins …
… blaue Nass!
Geboten werden u. a. Nemos und ein …
… anmutiger Tintenspender
Auch eine tolle Muschelschönheit ist vor Ort

Einen deutlich kürzeren Ausflug unternehmen wir am kommenden Tag. Mit einem kleinen Dampfer erkunden wir die Mangroven rund um Port Douglas. Warum Tauchen und Schnorcheln hier vor ort nicht so der Hit sind, sehen wir am Ufer: ein beeindruckendes Salzwasserkrokodil döst am Ufer während ein Kranich mutig an ihm vorbei stolziert. Krokodile findet man an der gesamten Ostküste Australiens und sind der Grund, warum die meisten traumhaften Strände völlig verlassen sind. Auch ums Boot zu schwimmen, während man ankert, ist keine gute Idee. Sehr, sehr schade, denn das Wasser hier ist wirklich total sauber und lockt mit den schönsten Farben. Einzige Ausnahme sind die Inseln im GB-Reef – dort soll es tatsächlich ein paar krokodilfreie Strände geben.

Krokos am Wegesrand
Erst mal ignorieren, den schuppigen Gesellen …
… dann aber lieber doch: …
… Abflug!!!

Lizard Island heißt unser nächstes Ziel, nur wenige Seemeilen entfernt. Zusammen mit Loveworkx machen wir uns auf den Weg – es soll günstigen Rückenwind geben. Da dieser eher von der zarten Sorte zu sein scheint, segeln wir mit ausgebauter Genua und Großsegel „platt vorm Laken“. Es kommt natürlich anders: Ein zunehmend kräftiger Wind läßt uns so schnell werden, dass wir die Loveworkx fast über den Haufen segeln – links flach, rechts die langsamere Jacqueline – mit Speed kreuzen wir knapp hinter ihrem Heck durch, um sie dann anschließend in Luv zu überholen. Kurze Zeit später dreht der Wind um gut 30 Grad und zwingt uns das Großsegel schnellstens zu bergen, um einem sehr nahen Riff mit Motorunterstützung auszuweichen zu können, da auf „unserer Spur“ ein Frachter um die Ecke kommt. Das Ergebnis: Nun kreuzen wir knapp vor Jacquelines Bug durch und die Arme denkt vermutlich wir hätten Drogen genommen. Tatsächlich funkt sie uns kurze Zeit später an, um mal zu horchen, ob bei uns alles im Lot ist. So geschützt man auf der Innenseite der Riffe auch ist, in Sachen Raum zum Manövrieren ist die Lage manchmal etwas kompliziert. Am kommenden Morgen, nach deutlich mehr Wind als geplant, erreichen wir Lizard-Island und ankern in der sehr geschützten und ruhigen Bucht im Westen der Insel.

Die "Hauptstraße" von Lizard Island
Unsere Ankerbucht
Air Hinterland - hier die aufwändige Gangway
The Beach

Dyiigurra – so der Name der Insel für die Aborigines – ist wirklich zauberhaft; wir liegen vor einem traumhaft weißen Strand und genießen die Ruhe. Am kommenden Tag unternehmen wir einen Ausflug über die Insel, der uns zu dem einzigen Resort führt. Mareike ist dieser Trip nicht ganz geheuer, da hier angeblich auch ab und an mal ein Krokodil gesichtet wurde. Neben dem exklusiven Resort mit nur 30 Bungalows gibt es noch einen kleinen Flughafen und die Lizard Island Research Station, eine Forschungsstation, die sich mit der Erforschung von Korallen beschäftigt. Die Fluggesellschaft, die Lizard Island regelmäßig anfliegt, trägt den originellen Namen "Hinterland".

Im Westen der Insel befindet sich der Cook Look, ein kleiner 359 Meter hoher Berg, auf dem der berühmte Captain Cook mal Ausschau gehalten hat. Man soll ihn aber nur früh morgens erklimmen, da es später am Tag doch hier meist sehr heiß wird. Der "Cook-Look" wird ein paar Monate später traurige Berühmtheit erlangen: Ein Kreuzfahrtschiff vergisst hier im September 2025 nach einem Landausflug zum Gipfel tatsächlich eine über 80 Jahre alte Passagierin. Als der Irrtum auffällt, das Schiff umkehrt und man nach ihr sucht, findet man die alte Dame leider nur noch tot vor – da bekommt der Begriff Kreuzfahrt doch plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Die Namensgeber der Insel, bis zu 1,6 m lange Warane, sind nach Millionen von Jahren immer noch ganz lebendig und Gott sei Dank für Menschen wesentlich ungefährlicher als eine Kreuzfahrt ;-)

Weiter geht's – Loveworkx auf Parallelkurs
Grumpy Sundowner
Edle Begleitung – fly like an Eagle

Drei Tage später verlassen wir die wilde Insel und nehmen Kurs auf die nördlichste Ecke Australiens. Der Wasserweg dorthin ist vorbildlich ausgeschildert und schlängelt sich zwischen Great Barrier Reef und der wunderschönen Küste von Queensland nach „oben“ auf der Seekarte. Das Miteinander der dicken Pötte und der Nussschalen wie uns ist ausgesprochen freundlich. Nachts werden wir von einem „Dicken“ freundlichst angefunkt, dass er uns passieren will. Als er vorbei ist, bedankt er sich über Funk, dass wir ihn vorbeigelassen haben und wünscht uns eine gute Weiterfahrt! In der Ost- und Nordsee haben wir dergleichen noch nie erlebt.

Je näher wir der „Torres Strait“ kommen, so wilder und ursprünglicher wird die Küste. Auch die Strömungen werden wilder und zwingen uns ihren Rhythmus auf. Vor der Ankunft in Thursday Island ankern wir direkt um die Ecke von Cape York, Australiens nördlichstem Kap, um die, für die Torres-Street typische, starke Gezeitenströmung "abzuwettern". Leider ist es hier sehr ruppig, da die Strömung in die weit offene Bucht hineinläuft. So verbringen wir eine eher unruhige Nacht. Tags darauf ist es vollbracht – nach ein paar Stunden kreuzen sind wir „oben“ und ankern sicher zwischen Horn Island und Thursday Island. Von hier bis Papua Neuguinea sind es tatsächlich nur 80 sm.

Türkis, türkiser, …
… Thursday Island
Thursday Islands Mainstreet …
… mit Kakadu
Wenn man hier eins hat, …
… dann ist es Zeit!
Der nördlichste Pub Australiens mit Seefrauen-Besuch
Out of order
Dann eben: Outside drying!

Auf Thursday Island heißt es Abschied nehmen von Australien. Hier werden wir ausklarieren und unseren Kurs wieder Richtung Westen setzen. Wir besuchen zwei oder drei Mal die Insel, kaufen dies und jenes, was wir für den Törn nach Indonesien benötigen. In Australiens nördlichstem Pub treffen wir einige deutsche Backpacker, die hier arbeiten und dadurch etwas länger in „Down Under“ bleiben dürfen. Es ist tatsächlich so, dass man eine Zeitgutschrift bekommt, wenn man hier, am Ende der Welt, arbeitet.

Beliebt scheint die Gegend trotz der wunderschönen Landschaft nicht zu sein, es ist einfach zu abgelegen. Selbst die beiden sehr netten und jungen Beamten, bei denen wir offiziell ausklarieren, sind nur auf Zeit hier. Alles erinnert ein wenig an amerikanische Kleinstädte am Rande von Nirgendwo. Dabei ist die Geschichte der Gegend und das Nebeneinander der Kulturen doch recht spannend. Die Inseln waren bis vor etwa 6000 Jahren Teil der Landbrücke zwischen Neuguinea und Australien. Vor etwa 1000 Jahren wurden sie dann durch melanesische Seefahrer besiedelt. Auf den rund 270 Inseln in der Torres Strait, von denen rund 21 bewohnt sind, leben heute rund 8000 Menschen – ca. 6000 davon Torres-Strait-Insulaner. Aber selbst die Mehrheit der einheimischen Insulaner (27.000) lebt heute auf dem Australischen Festland, da es hier nicht genug Arbeit für alle gibt.

Alles in Allem, vielleicht ein Geheimtipp für Menschen, die die Einsamkeit lieben und sich nicht vom Mainstream mitreißen lassen?

In dem kleinen aber feinen Heimatmuseum vor Ort, finden wir noch einige schöne und spannende Exponate, welche die Kultur der Region veranschaulichen und auch uns sogar in dem bestärken, was wir grad so treiben :-)

„Du kannst alles tun, was du willst.
Probier alles aus.
Reise, wenn du kannst.
Schau dir an, wie andere Menschen leben, um zu erkennen, wie gesegnet wir sind,
dort zu leben, wo wir leben.“
— Nola Ward Page
Torres Strait Insulaner
Das Thema "Krokodil" ist omnipräsent
Muruyguw Ngulayg …
— … bedeutet „Weisheit unserer Ältesten” in unserer Muttersprache Kala Lagaw va der westlichen Inselgruppe. Es feiert und würdigt die Bedeutung, die die Torres-Strait-Insulaner der Erfahrung und dem Wissen unserer Ältesten über den Lebensweg und die kulturellen Traditionen beimessen, die diesen Weg prägen, stärken und verkörpern.
Durch kreatives Geschichtenerzählen und historische und zeitgenössische Fotografien, die den Wert ihrer kulturellen Traditionen und Praktiken sowie die Rolle, die sie weiterhin im täglichen Leben spielen, hervorheben.
Kraftvolle, von Herzen kommende Botschaften, die zur Bewahrung von Geschichten für zukünftige Generationen beitragen und sicherstellen, dass das Wissen dieser Generation von Ältesten für zukünftige Generationen zugänglich ist.
„Die Vergangenheit muss existieren, damit die Gegenwart die Zukunft gestalten kann.“

– verstorbener Adhi Ephraim

Nach vier Tagen "Ende der Welt" sagen wir goodbye zu Land, Leuten und türkisem Wasser und machen uns zusammen mit Jacqueline, die ein paar Stunden vor uns startet, auf den Weg zu neuen Welten – Indonesien wir kommen!

Auf Wiedersehen in Indonesien
Go West - dem Vollmond hinterher
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