Holly Golightly

#74
Ustupu/Panama

Leichenschmaus und Dieselkauf

  • Reisegeschichten

Nach unserem Besuch in Mulatupu zieht es uns weiter in Richtung Norden. Ustupu, ein kleines Inselstädtchen liegt auf unserer Route Richtung Panama-Kanal. David, unser Mulatupu-Guide bittet uns, ihn bis zur nächsten Insel mitzunehmen, was kein Problem ist. Auf dem kurzen Weg zur Nachbarinsel dreht er schnell ein Handy-Video und bevor wir die Insel erreichen, sind wir auf facebook präsent. Der Weg nach Ustupu führt zwischen Küste und allerlei Inseln entlang. Wir manövrieren Holly Golightly gaaaanz vorsichtig durch die Riffpassagen. Das wirkt seltsam surreal, da man sich auf einer weitläufigen Wasserfläche befindet, die optisch unendlich viel Platz bietet. Die nur mit Karte und GPS zu findende Fahrrinne ist dagegen oft nur so breit wie ein Braunschweiger Fahrradweg – gefühlt zumindest! Optisch hat die Route aber einiges zu bieten: Kleine Ansiedlungen, wunderschöne Strände, unendlich viele Palmen und einige Fischer in Einbäumen, die neugierig beobachten, wie wir vorsichtig durch ihr Reich gleiten. 15 sm später lassen wir zwischen der Insel Ustupu und dem dampfenden, dichten Dschungel auf dem Festland den Anker fallen. Die Siedlung wirkt etwas rough aber sehr geschäftig. Wir bleiben erst mal an Bord, kaufen ein paar Dinge vom den freundlichen Einbaum-Bringdienst und entspannen.

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Ustupu - 100 Jahre nach der Revolution
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Auf Wasser gebaut
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Bunte Tellerchen zum Leichenschmaus
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Viel los auf Ustupus Boulevard

Am kommenden Tag paddeln wir an Land, zahlen 10$ Inselgebühr und machen uns auf die Suche nach einer Tankstelle, da wir etwas Diesel gebrauchen könnten. Weit und breit ist jedoch keine Aral oder Shell-Filiale zu entdecken. Wir fragen uns durch und haben schon bald wieder einen total freundlichen jungen Kuna an unserer Seite, der uns bei der Lösung des Diesel-Problems sehr nett zur Seite steht, bzw. geht! Auf einem großen Platz in der Mitte der Siedlung wird schließlich beratschlagt, wie man dem Besuch in Sachen Diesel helfen kann. Da hier alles entspannt von statten geht, werden wir erst mal zu einer Suppe in einem nah gelegenen Haus eingeladen. Dort angekommen werden wir nett bewirtet und merken, dass wir in einen Leichenschmaus geraten sind. Eine bunte Kuna-Gemeinde hat sich in einem Innenhof versammelt und speist im Gedenken an einen in die ewigen Jagdgründe übergewechselten Mitbürger. Eine Mischung aus Hühnchen und Reis wird aus einer großen Plastiktonne in einen Topf geschüttet und dann verteilt. Erst schmeckt das Gericht etwas neutral, aber mit ein wenig Salz und mehr frischem Limettensaft veredelt, wird daraus ein erstaunlich leckeres Mahl. Nach dieser kleinen Sättigung widmen wir uns wieder gemeinsam der Sättigung von Hollys Dieselhunger. Es wurde auch tatsächlich in der Zwischenzeit eine "Tanke" mitten im Dorf entdeckt, die wir nun besuchen. Aus großen Fässern wird der Treibstoff in unsere beiden 20 Liter Kanister gefüllt. Ehe wir protestieren können, schultern Torres und ein Freund die großen Kanister und tragen diese für uns zum Steg –  was für hilfsbereite Menschen! Etwas beschämt trotten wir hinterher.

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Bei dem Service werden Aral und Shell blass!
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Stolz zeigt uns Torres sein Heim, das an Nachhaltigkeit nicht zu toppen ist
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Die Molawerkstatt – wir kaufen Weihnachtsgeschenke
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"Made in Germany" – eine wunderschöne SINGER!

Anschließend zeigt uns Torres noch verschiedene Plätze auf Ustupu. Er führt uns unter anderem zu einer älteren Dame, die ganz fleißig mit Hilfe einer schönen antiken Singer-Nähmaschine „Made in Germany“ Molas näht. Da uns diese sehr gut gefallen, schauen wir sie uns näher an und finden auch ein, zwei oder drei, die wir schließlich kaufen. Solchermaßen bereichert, schauen wir uns weiter um. Torres zeigt uns auch ganz stolz sein Haus, vor dem wir noch ein Foto von ihm und Mareike machen.

Für uns etwas befremdlich ist die offizielle Flagge der Kunas, die an jeder Ecke zu sehen ist – zeigt sie doch ein Symbol, dass bei uns jeder als Hakenkreuz bezeichnen würde. Für die Bewohner der Inseln stellt dieses Hakenkreuz jedoch einen stilisierten Kraken dar. Das beruhigt uns dann doch ein wenig! Der Skipper versucht noch zu erklären, dass dieses Symbol in Deutschland extrem negativ besetzt ist und für eine schlimme Zeit und furchtbare Gräueltaten steht. Jedoch scheint weder der 2. Weltkrieg noch Nazideutschland hier bekannt zu sein. In Deutschland weiß schließlich ja auch kaum jemand wo Guna Yala liegt, wer die Kunas sind und dass sie hart für ihre Autonomie kämpfen mussten! So setzten wir unseren Rundgang begleitet von Krakenfahnen und -logos fort und genießen die Gastfreundschaft der Kunas.

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Die Flagge der Kunas zeigt einen stilisierten Kraken …
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… für uns ein durchaus befremdliches Symbol
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Dicke Damfper aus Kolumbien liefern Cola & Co
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Upcycling kennt man hier auch
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Blau trifft Grün – und kein einzige Hotel weit und breit!!

Torres und sein Kumpel helfen uns schließlich sogar noch den wertvollen Dieselkauf aufs Boot zu bringen und schauen sich bei der Gelegenheit auch gerne Holly an. Anschließend sitzen wir alle zusammen im Cockpit und genießen eine kalte Cola. Ehe wir mit der Wimper zucken können wird die geleerte Dose schwungvoll über Bord geschmissen. Unser leicht entsetzte Blick aufgrund der für unsere Verhältnisse unkonventionellen Müllentsorgung irritiert Torres & Co sichtlich. Der Skipper nutzt die Gelegenheit und versucht den Besuch ein wenig in Sachen Meeresschutz zu sensibilisieren. Torres schaut auch sichtlich erschüttert als er hört, dass der ganze Plastikmüll irgendwann in Form von Microplastik in den Fischen und damit in seinem Magen landet.

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Willkommen an Bord!
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Der Skipper erklärt dies und das

Bei den Kunas ist es nämlich völlig normal sämtlichen Müll ins Meer zu schmeißen. Bevor die Petflasche und Coladose Ihr schönes Inselreich eroberten war das gar kein Problem – alle Abfälle waren schließlich 100% organisch. Seit vielen Jahren aber wird allerlei Klimbim aus Panama oder Kolumbien von fliegenden aber eigentlich schwimmenden Händlern auf die Inseln gebracht und auch gerne von den Kunas gekauft. Da es hier natürlich weder eine Müllabfuhr noch sonst eine geregelte Art der Müllentsorgung gibt füllen sich nun die schönen Sandstrände und Palmenhaine zusehends mit Plastikmüll, was teilweise wirklich Augenkrebs verursacht. Das ist auch der Grund warum wir unseren Bordmüll, den wir aus Platzgründen zerschneiden und sammeln, nicht auf einer der Inseln gegen eine kleine Gebühr entsorgen. Mit 100%iger Wahrscheinlichkeit würde er später dann doch den Weg ins Meer finden.

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Echte Schönheiten – die Einbäume der Kunas
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