Lombok - Probleme und Lösungen der besonderen Art
Bei aller Freude darüber, dass wir es schließlich doch noch sicher nach Lombok und in die Medana Bay Marina geschafft haben, ist die Stimmung gedrückt. Mal wieder. Nach Pleiten, Pech und Pannen in Fiji, unterwegs nach Vanuatu und bei der Ankunft in Australien, hatten wir doch so sehr gehofft, nun endlich unbeschwert und "unfallfrei" bis Malaysia segeln zu können. Und nun das.
Wir werden etwas versöhnt vom super netten Ambiente der Marina und den völlig unkomplizierten MitarbeiterInnen. Es gibt ein bezauberndes Lokal, in dem man sich für wenig Geld durch den Tag futtern kann, dazu frisch gepresste Säfte aller Art.
Der Haulout für Holly wird bereits für den nächsten Tag arrangiert, und für den Fall, dass wir – für diese Saison oder überhaupt – die Flinte ins Korn werfen, gibt es auch noch Platz für einen mehrmonatigen Aufenthalt auf der lauschigen Hardstand-Wiese. Da es an Land irre heiß ist, nehmen wir uns für die Zeit von Hollys Landausflug ein Zimmer im zur Marina gehörigen Hotel, Aircondition inklusive ...! Was will man mehr.
Am nächsten Morgen werden wir vom Marina-Dinghy auf den Trailer geschleppt, der Holly – unterstützt von einem PS-starken Trecker – an Land bugsiert. Auch wenn wir das inzwischen ja wirklich schon öfter erlebt haben, bleibt dieser Vorgang doch immer wieder ganz schön spannend.
Kaum ist Holly draußen, steht Franz schon unter dem tropfenden Heck, um auf Fehlersuche zu gehen – zumindest, was das furchtbare Geräusch vor Totalausfall des Volvo betrifft. Und siehe da: Es ist alles viel, viel einfacher als erwartet: Übeltäterin ist mal wieder die Opferanode hinter dem Propeller. Sie hat sich erneut gelöst, genau wie in ... naaaa ... wer weiß es noch? Genau, Gran Canaria. Dieses Mal hat das Ding, nachdem sie sich gelöst hatte, augenscheinlich auch immer wieder am Saildrive geschliffen – so entstanden die teilweise wirklich gruseligen Geräusche unterwegs.
Damit ist allerdings nur ein Teil des Problems gelöst, denn ausgefallen ist der Motor final wohl wegen Schmutz im Diesel. Also wird Holly sicher aufgebockt, und Franz macht sich an die Ursachenforschung. Mithilfe einer kleinen Stetoskop-Kamera, die uns Jürgen geliehen hat, schauen wir uns den Dieseltank von innen an und stellen fest, dass sich am tiefsten Punkt sehr viel Schmutz angesammelt hat. Da wir keine sogenannte Revisionsluke im Tank haben, durch die man leichter Zugang zum Inneren hätte, entscheidet Franz, den Tank zum Reinigen auszubauen. So sehr wir uns unterwegs des Öfteren schon größere Dieselvorräte gewünscht haben, so sehr freuen wir uns jetzt über unseren handlichen 60-Liter-Tank, der sich recht einfach ausbauen und nach draußen verfrachten lässt.
Somit scheinen alle Motor-Probleme doch relativ niedrigschwellig zu lösen zu sein. Irgendwie bleibt diese Saison aber unsere herausforderndste, auch an dieser Stelle. Denn als Nächstes wird Franz krank. Was mit Fieber und Schüttelfrost beginnt, entpuppt sich als die übelste Rache Montezumas. Somit wird die weitere Reparatur verschoben und der Skipper ins Hotelbett verfrachtet – wie gut, dass wir ein klimatisiertes(!) Zimmer haben.
Auf Lombok leben Menschen mit verschiedenen Religionen friedlich mit- und nebeneinander. Weite Teile vom Rest der Welt könnten sich daran wirklich ein Vorbild nehmen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist muslimisch und aufgrund der Dichte an Moscheen wird Lombok des Öfteren auch als die „Insel der tausend Moscheen” bezeichnet.
Eine davon steht quasi direkt neben dem Hotel, der Medana-Bay-Marina. Wie fast überall ruft der Muezzin auch hier nicht mehr live, sondern der Ruf zum Gebet wird fünfmal täglich von Band abgespielt. Was wir seit Kupang immer wieder als stimmungsvolles Hintergrundgeräusch wahrgenommen hatten, entpuppt sich hier binnen weniger Tage als anstrengend. Die Aufnahme des Muezzin ist so krass laut verstärkt, dass wir – obwohl wir mit Kopfhörern mit Noise-Cancelling schlafen – früh morgens um 5:30 aus den Betten fallen. Zudem dürfen in der örtlichen Moschee auch die jungen Nachwuchs-Sänger die Rufe zum Gebet üben ... Jedoch fehlt es gefühlt sehr an Talent. So ertönt statt harmonischem Gesang fünf Mal täglich eine nur schwer zu ertragende Geräusch-Emission.
Als Franz nach drei Tagen mit Fieber keine Besserung zeigt, entscheidet Mareike nach Absprache mit der Marina, ihn in ein nahegelegenes Krankenhaus zu bringen. Netterweise hilft uns die Frau des Marina-Betreibers beim Transfer und übersetzt vor Ort im Krankenhaus. Letzteres entpuppt sich als Albtraum! Mareike ist den Tränen nahe, als Franz in der Notaufnahme auf eine Liege bugsiert wird, an der noch das frische Blut des vorherigen Patienten klebt.
Die Toilette der Notaufnahme ist komplett verdreckt und auch olfaktorisch sehr herausfordernd. Wie in Asien üblich, gibt es kein Klopapier. Allerdings wird hier im Krankenhaus auch auf die oft verbreitete Handdusche verzichtet, die man auf besseren Toiletten in der Regel findet. Stattdessen steht ein riesiger Bottich mit Wasser und eine Schöpfkelle neben dem WC. Da Franz Magen ja bereits im Streik ist, müssen wir zumindest keine Sorge haben, dass er sich hier etwas einfängt.
Als Erstes soll Franz Blut abgenommen werden, um dieses auf Malaria, Dengue und Salmonellen zu untersuchen. Außerdem soll er über einen Tropf Flüssigkeit bekommen. Der dafür benötigte Zugang sollte ja eigentlich schnell gelegt sein ... Aber anscheinend haben sich Franz' Venen vor lauter Schreck zusammengezogen. Jedenfalls gelingt ein Legen des Zugangs weder an den Händen noch in den Armbeugen. Nadeln werden getauscht, ungeschützt auf der Liege abgelegt, und Franz weist darauf hin, dass es vielleicht hilfreich wäre, den Arm oben abzubinden. Kurz bevor der Patient komplett genervt ins nächste Taxi springen will, gelingt das Manöver – Franz bekommt Blut abgenommen und eine Infusion. Die Blutuntersuchung ergibt, dass er mit Salmonellen infiziert ist. Angeblich nicht viele, die hätten hier wohl alle, in der Menge und wir wären eben nicht daran gewöhnt ... Na Mahlzeit! Nach einigen Stunden intravenösen Dopings verlassen wir mit weiteren Medikamenten in der Tasche diesen für unseren Geschmack doch sehr herausfordernden Ort und freuen uns auf das Muezzin-beschallte Bett im Marina-Hotel.
Nach ein paar weiteren Tagen Erholung geht es dem Skipper wieder besser, und wir können uns wieder Holly widmen. Gun, ein lokaler Mechaniker, der von allen Seglern sehr empfohlen wird, steht mit Rat und Tat zur Seite. Da ein Bauteil des Saildrive (der Teil des Antriebs, der unten aus dem Rumpf heraus schaut) beschädigt ist, benötigen wir dringend sein Netzwerk aus örtlichen Dienstleistern. Einer von Guns Helferlein schneidet sehr professionell neue Gewinde in ein beschädigtes Bauteil, so dass wir die bisher immer wieder zu bewegungsfreudige Opferanode nun hoffentlich endgültig fixieren können. Der Tank ist nun auch von innen blitzeblank und wird wieder eingebaut, alle Dieselfilter sind gewechselt und ein sogenannter Funnel-Filter für sichereres Nachtanken ist von Gun besorgt worden.
Alle Überlegungen, Holly während des europäischen Winters auf Lombok zu lassen, haben sich mittlerweile zerschlagen. Zum einen haben wir die Marina in Malaysia bereits angezahlt, zum anderen haben wir kein so gutes Gefühl dabei, unser Bötchen wieder in einer Region mit intensiver Regenzeit zurückzulassen. Unsere Freunde Kerstin und Jürgen sind außerdem schon Richtung Malaysia gestartet, und wir würden uns freuen, sie dort wieder zu sehen. In Malaysia hat Holly vermutlich bessere klimatische Pausenbedingungen, :-) und wir können immer noch und in aller Ruhe überlegen, ob wir sie nach Hause segeln oder in Thailand auf einen Frachter setzen. Ein entsprechendes Angebot haben wir unterdessen und es ist gar nicht soooo teuer, wie gedacht.
Zwischen all dem Geschraube am Boot machen wir auch noch einen Ausflug nach Mataram, der Hauptstadt von Lombok. Noch nicht erwähnt haben wir nämlich, dass auch unser iPad, das wir als Navigations-Instrument nutzen, auf den letzten Metern nach Lombok seinen Geist aufgegeben hat. Es lässt sich nicht mehr laden. Vor Ort finden wir eine extrem gute und preisgünstige Alternative von Samsung. Die Beratung vor Ort toppt alles! Gleich drei freundliche Verkäuferinnen samt Chef unterstützen uns bei der Einrichtung des neuen Geräts!
Außerdem genießen wir eine sehr freundliche Führung durch Lomboks größte und schönste Moschee, die uns sehr beeindruckt.
Nun können wir einen Termin zum Slippen vereinbaren. Aufgrund der Tide muss man hier manchmal tatsächlich eine Woche warten, bis das Boot ins Wasser kann. Aber wir haben Glück! Holly wird schneller als erwartet wieder von der Wiese Richtung Nass gezogen und sicher darin abgelegt. Wir liegen noch kurz am kleinen Steg, um Wasser zu tanken, bevor es an die Boje geht. Franz macht schon mal den Motor an ... Und oh Schreck ... Es kommt KEIN Kühlwasser raus, wo es raus kommen muss!!! Der Skipper atmet schwer, und Mareike verlässt kommentarlos das Boot in Richtung Restaurant. Gäbe es hier Schnaps, wäre jetzt, trotz falscher Tageszeit, eindeutig der richtige Moment dafür.
Da unser königlicher Hofmechaniker Gun noch greifbar ist, rufen wir ihn in höchster Not zu Hilfe. Und siehe da, er kommt dem Problem aufgrund seiner lokalen Kenntnisse auf die Spur! Die Verursacherin des akuten Wassermangels ist anscheinend Dinomyrmex gigas – im Klartext: eine sehr dicke Waldameise!!! Diese hat es sich anscheinend – als Holly an Land stand – im Wasserzulauf gemütlich gemacht. Und tatsächlich finden sich im Vorfilter einige wenige dicke Exemplare dieser Gattung. Je mehr wir spülen und pumpen, umso mehr der großen Ants kommen ans Tageslicht. Nach ca. einer Stunde ist es geschafft – die neue Ameisenpopulation ist davongespült und das Kühlwasser kann wieder ungehindert für einen kühlen Kopf unseres Diesels sorgen.
Erleichtert legen wir unter Motor, der nun ganz normal vor sich hin tuckert, vom Steg ab und suchen uns ein gemütliches Plätzchen an einer der Moorings vor dem Strand. Nun kann es ja am nächsten Morgen endlich wieder losgehen: Ablegen Richtung Singapur!
Wir bereiten alles vor, schlafen noch mal entspannt und lösen am nächsten Morgen die Leinen. Froh und munter stechen wir in See ... Aber was'n das????? Klingt er nicht seltsam, der alte Schwede??? Kurz mal ein Blick auf den Kühlwasserauslass und – NEIN, das kann, das darf nicht sein!!! Nix als heiße, heiße Luft, kein Kühlwasser!!! Wir werden immer verzweifelter, und der Volvo wird immer heißer. Wir drehen sofort um und schnappen uns die erste freie Mooring, die wir fassen können. Jetzt reicht es uns endgültig!!!! Wir haben es so satt, dass wir unverzüglich in den nächsten Flieger Richtung Heimat steigen könnten.
Nachdem sich die Emotionen etwas gelegt haben, weiß der Skipper nur einen Rat: Ein renitenter Rest dieser blöden, ignor..., besch..., fuck...! Ameisen muss noch im Kühlwasserzulauf stecken!!! Aber wie kriegen wir sie da raus??? Dreimal an der Nase gerieben, und die Idee ist folgende: A. Wir benutzen Pressluft! B. Damit blasen wir die Viecher raus! C. Wir haben: einen kleinen Kompressor für unser SUP. Ergebnis: Der SUP-Kompressor wird kurzentschlossen an den Kühlwasserzulauf im Boot angeschlossen, auf volle Leistung gestellt und eingeschaltet. Es blubbert vernehmlich unter Holly (da, wo das Kühlwasser eigentlich rein soll). Nach ca. 30 Sekunden schalten wir ab und siehe da: Wasser marsch – Kühlwasser kommt wieder geflossen! Zur Sicherheit lassen wir den kleinen Kompressor noch mal ein paar Minuten seinen Job machen. Anschließend heißt es in Holly: Et kütt, wie et kütt, das kühlende Nass kommt ungehindert und mit dickem Strahl ganz von alleine gelaufen!
Am nächsten Tag klappt dann alles wie geplant – wir legen endgültig ab!! Und der Volvo läuft und läuft und läuft und läuft ...