Holly Golightly

#75
San Blas, Panama

Paradiesisch essen, Konsulpflege und unwillkommene Gäste

  • Reisegeschichten

Im Norden der Region Guna Yala liegen die meisten und schönsten Inseln der Region. Nach unserem spannenden Aufenthalt in Ustupu segeln wir weiter an der Küste entlang. Seit wir nach Panama eingereist sind, haben wir keine andere Segelyacht mehr gesehen. Was wir auch schon länger (nicht) vermissen sind Autos. An der gesamten Küste können sie nicht heimisch werden, da die wichtigste Lebensgrundlage des KFZ hier nicht vorhanden ist: Straßen. Deren Fortpflanzung wiederum wird erfolgreich durch den dichten Regenwald verhindert. Irgendwo tief im Panamaischen Dschungel zwischen uns und dem Pazifik kapituliert selbst die längste Spezies der Aasphalt-Schlangen: die berühmten Panamericana. Der hiesige Urwald ist einer der artenreichsten der Welt. Viele Gebiete wurden noch nie von Menschen betreten. Alle Versuche die Panamericana weiter wachsen zu lassen sind in den letzten Jahrzehnten gescheitert.

Vor dieser atemberaubenden Kulisse zu segeln und zu ankern ist immer wieder faszinierend! Und alles was sich hier fortbewegt, nutzt den Wasserweg. So werden wir zwar nicht von anderen Seglern begleitet aber immer wieder von Einbäumen und kleinen Motorbooten, die Menschen und Dinge von Kuna-Siedlung zu Kuna-Siedlung bringen.

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Die Kunas verkaufen uns gerne Schmuck …
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… frische Meeresfrüchte …
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… und ihre schönen …
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… handgefertigten Molas
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Einkaufen bei Jung und Alt - der selbstgemachte Perlenschmuck wird geduldig ums Kunden-Handgelenk gewickelt
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Auf unserem Weg Richtung Norden – der Panamakanal liegt tatsächlich nördlich von uns – ankern wir in der geschützten Schooner-Bay. Früher wurden hier große Schoner beladen und entladen, daher der Name. In der Gegenwart ist hier einfach nichts los und es ist der ruhigste und friedlichste Ankerplatz, den man sich vorstellen kann. Am nächsten Morgen setzten wir Kurs auf die Cayos Coco Bandero. Die vier Inseln sind wunderschön aber winzig klein. Eine ist leider so winzig, dass sie aktuell nur noch ein Sandhäufchen ist und bald schon Geschichte sein wird. Dieses Schicksal teilt sie sich trauriger Weise mit vielen Inseln hier. Aufgrund des Klimawandels und des ansteigenden Meeresspiegels verschwinden von Jahr zu Jahr immer mehr der sandigen Eilande im türkisfarbenen Wasser. Ein paar der Inseln, die auf unserer Seekarte noch eingezeichnet sind, existieren nur noch als Sandbänke mit ein paar Palmenstummeln, die traurig aus dem Wasser schauen.

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„Bringdienst“ a la Kuna
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Die Machete ist hier das Multitool – leider auch mit hohem Verletzungspotential

Hier treffen wir auch die ersten zwei Segelyachten seit ca. zwei Wochen. Da uns zwischen den Inselchen zu wenig Platz ist und die Riffe zu nah, segeln wir nach einer Nacht weiter zu den Cayos Hollandeses. Dieser Hotspot der Fahrtensegler bietet viele geschützte Ankerplätze und soll wunderschön sein. Die Nähe zu Colon und Panama-City merken wir sofort – liegen doch etliche Yachten hier vor Anker. Wir freuen uns darüber, da wir Lust haben endlich mal wieder ein paar Bekanntschaften zu machen. Kaum hat es sich unser Bügelanker unter Wasser gemütlich gemacht kommt auch schon Ramiro, der Insel-Konsul angepaddelt und kassiert ein paar Dollar Liegegebühr. Wir ankern auf absolut klarem, nahezu unsichtbaren Wasser vor einer Kulisse, die karibischer nicht sein kann. Eigentlich müsste Bounty direkt an den Palmen wachsen – was es ja in gewisser Weise ja auch macht.

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Homeoffice a la San Blas …
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… mit Office-Beach

In der Bucht ankert eine auffallend andere Yacht. Blau und irgendwie an einen Bus erinnernd, fällt die Ketch aus den Niederlanden sofort auf. Der Besitzer des exotischen Bootes ist Peter, der nun schon zum zweiten mal mit seiner „Ya“ um die Welt segelt. „Ya“ wurde so konzipiert, dass sie im Idealfall ganz ohne fossile Energie auskommt. Zwei Elektromotoren, viele Solarzellen, ein Windgenerator und allerlei pfiffige Lösungen unterstützen Peter bei seinem spannenden Vorhaben. Begleitet wird er seit ein paar Wochen von Genaro, der in unserer weiteren Reise auch noch eine Rolle spielen wird. Die beiden sind nett und sympathisch und so verbringen wir viele Stunden zusammen. Da unser Suzuki-Außenborder mittlerweile kaum noch funktioniert, segeln wir mit „Fred“ jetzt meist sogar zu zweit zum Strand. In Sachen Fossil-Free sind wir mit „Ya“ so auf Augenhöhe!

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Peters „Ya“: fossilfree Sailing
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User "Fred" – auch …
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… fossilfree sailing :-)

Eines Morgens besucht uns der Insel-Konsul Ramiro und klagt uns sein Leid. Dummerweise hat er sich mit seiner Machete den Unterschenkel verletzt. Der Anblick der mit einem schmutzigen, nassen Tuch verbundenen Wunde ist keine schöner. So entschließt sich der Skipper mit seiner Zivi-Krankenpfleger-Erfahrung dem traurigen Anblick ein Ende zu bereiten. Holly Golightly wird somit zum Lazarettschiff und einmal täglich steht die Wundpflege des Konsuls auf dem Programm.

Ein echtes Highlight der Insel ist das Restaurant von Ivin. Auf Stelzen steht es im klaren Wasser, verfügt über ca. fünf bis sechs Tische und ist Dank der Regenzeit wenig bis gar nicht besucht. So sitzen wir hin und wieder alleine im schönsten Restaurant der Welt und lassen uns bekochen. Ivin hat in einem Restaurant in Panama-City kochen gelernt und seine Kochkünste sind vom Feinsten. Er serviert uns Köstlichkeiten direkt aus dem Meer und moderiert professionell am Tisch stehend, was wir auf dem Teller vorfinden. So exklusiv haben wir auf der ganzen Reise noch nicht gespeist!

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Ivins fünf (See)Sterne-Restaurant
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Hier gehts zu Ivin
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Sooooo lecker!
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Dazu ein heimisches Bier

Da sich unsere ungewollten krankenpflegerischen Ambitionen wohl rumgesprochen haben, bekommen wir bald den „zweiten Fall“ präsentiert. Die anderthalb-jährige Enkeltochter des Konsuls hat wohl einen Parasiten am Po. Und tatsächlich sieht das was wir zu sehen bekommen nicht gesund aus. Die kleine Kuna hat tatsächlich eine Art Wurm unter der Haut, der dort deutliche Spuren hinterläßt. Mithilfe des Smartphones machen wir Fotos und senden diese nach Deutschland zu drei befreundeten Ärzten und Ärztinnen. Alle drei bestätigen den Verdacht auf einen Parasiten. Die Gefährlichkeit können wir aber nicht mit Sicherheit bestimmen (drei Ärztnen – drei Meinungen), daher raten wir der Kuna-Familie einen Arzt aufzusuchen. Diese Botschaft zu vermitteln ist gar nicht so einfach. Die deutsche Diagnose wird von Mareike ins Englische übersetzt und an Genaro weitergegeben. Dieser kommuniziert auf Spanisch mit den Jugendlichen der Familie (Spanisch lernen diese in der Schule). Die Jugendlichen übersetzen dann in Kuna und teilen das den Großeltern mit. Wir hoffen sehr, dass diese stille, multikulturelle Post am Ende der Kette noch das aussagt, was wichtig ist!

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Crystal clear water
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Auch die Strände könnten kaum schöner sein

Nach vielen schönen Tagen in diesem wunderbaren Winkel der Erde muss es ja wieder irgendwie weiter gehen und so segeln wir ein paar Seemeilen ums Eck. Dort ist es tatsächlich ebenso bezaubernd. Wir baden, schnorcheln, spazieren am Strand und durch die Palmenhaine der Insel. Wir kaufen hier, da und dort einige bezaubernde Molas von jung, älter und ganz alt. Eine junge Kuna dekoriert des Skippers Handgelenk mit einer bunten, nicht zu öffnenden Perlenkette, die sogar den Braunschweiger Weihnachtsmarkt überleben wird.

Eine sehr alte Kuna-Dame wiederum bindet eine bunte Kette an Mareikes Handgelenk. Hier kaufen wir tatsächlich eher aus Mitleid, aber das alte Kuna-Paar ist so rührend, dass wir gar nicht anders können.

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Mareike geht spazieren …
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… unser Kölner-Dom schaukeln
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Stimmung bestens …
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… Wasser auch!
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Happy sailing

Was speziell die arme Mareike nicht verlässt, ist ein penetrantes Jucken auf dem Kopf! Diesbezüglich haben wir einen unangenehmen Verdacht. So macht sich also Franz auf die Suche nach blinden Passagieren auf Mareikes Haupt. Die Suche bleibt aber ergebnislos. Jucken tut´s aber trotzdem. Wenig später geht Mareike der Sache dann „erfolgreich“ auf den Grund der Haare und findet leider ein kleines Lebewesen, dass einer Laus doch extrem ähnelt. Nun haben wir den Salat – Läuse an Bord!! Das will wirklich niemand!

Was also tun? Wir fragen auf der Insel nach und es wird uns stolz eine hiesige Lösungsmöglichkeit präsentiert: Head and Shoulders- Shampoo! Diese Art der Bekämpfung erscheint uns aber wenig aussichtsreich – uns steht der Sinn eindeutig nach Ausrottung und nicht nach Säuberung oder Pflege der Laus!

Also googeln wir, was in Sachen Laus-Vertreibung so unternommen werden kann, wenn keine Apotheke in der Nähe ist. Tipps wie tägliches Wechseln der Bettwäsche, sowie das Waschen derselben bei 60°C lassen Mareike latent verzweifeln. Mal abgesehen davon, dass wir nur zwei Sets Bettwäsche dabei haben, fehlt natürlich die erforderliche Waschmaschine. Mit der Hand waschen ist eine Option, aber aufgrund von wenig Wind und vielen Wolken haben unsere Solarpanels und der Windgenerator in den vergangenen Tagen eher wenig Strom produziert. Daraus resultiert, dass wir auch nicht wirklich viel "Wasser machen" konnten und unmöglich Trinkwasser für den bootseigenen Waschsalon verplempern können ... Also schüttet Mareike zunächst bergeweise Öl über ihren Kopf, bastelt einen Turban aus Plastiktüte und Kopftuch und behält das Konstrukt über Nacht auf dem Kopf. Am nächsten Morgen ist der erste Schwung Läuse auf diese Art schon mal erstickt, nur die Nissen sind natürlich noch an Bord. Die Wäsche wird kurzerhand in Plastikbeuteln verpackt und wandert mit Wochentagen beschriftet in die Heckkabine – nach drei bis fünf Tagen ohne leckeren Kopf sollen Läuse ja angeblich das zeitliche segnen.

Tortzdem sehnt sich Mareike nach einer entgültigen Lösung für ihre Kopfbewohner. So eruieren wir die Lage der nächsten Apotheke und haben Glück. Gleich eine Insel weiter soll sich eine befinden. Dort angekommen ankern wir direkt vor der “Promenade“ und Mareike und ihre Läuse unternehmen einen Landausflug während Franz das Geschehen und Holly bewacht. Mehrere Kunas beobachten interessiert den heran rudernden Besuch und begrüßen Mareike freundlich und hilfsbereit. Ein junger Mann mit dem tollen Namen „Kanabis“ erklärt Mareike die lokalen Gegebenheiten und begleitet sie freundlich zur Apotheke. Dort gibt es tatsächlich etwas gegen unliebsame kleine blinde Passagiere. Es riecht brutal und soll auch gegen Krätze helfen – die arme Mareike!!!! Auf dem Skipperkopf regt sich derweil Gott sei Dank nichts, im Inneren aber macht sich mächtig Mitleid breit – Mareike hat’s nun echt nicht leicht unter den Bedingungen! Wir bekämpfen, bürsten, suchen, waschen und beten so gut wie wir können und langsam aber sicher bessert sich die Lage!

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Schöner ankern statt wohnen
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