Holly Golightly

#81
Panama/Pazifik

3 Seefahrer:innen, 33 Tage auf 33 Fuß

  • Reisegeschichten

Eine Ozeanüberquerung mit Ringelnatz & Co

Uns hat unser Vorhaben ein wenig an die Fernreisen unserer Elterngeneration erinnert. Da wurden in einen kleinen VW-Käfer auch mal eben zwei bis drei Kinder plus Gepäck gestopft und dann ging es unerschrocken, egal bei welchem Wetter, los Richtung Süden über die Alpen bis nach Rimini an der Adria. Mal eben tausend Kilometer in sechs vollgestopften, dröhnenden Quadratmetern. Das alles ohne Klimaanlage, Navi und Spielekonsole für die Kids. In diesem blechernen Paralleluniversum ging es oft hoch her – es wurde geschwätzt, geflucht, Radio gehört, geraucht, gegessen, geschwitzt, geschlafen, gesungen, gestaunt, getrunken, geträumt und manchmal auch ordentlich gestritten! Nur wenn jemand mal musste oder der Volkswagen Durst hatte, wurde rechts rangefahren und ein Päuschen eingelegt. Damit man zügig voran kam, wurden vorher Stullen geschmiert, Kartoffellsalat zubereitet, Kaffee gekocht, Saft eingepackt, die Straßenkarten studiert und unterwegs der Verkehrsfunk abgehört. Stand man im Stau war Geduld gefragt und hatte Herbie einen Defekt, dann war guter Rat oft teuer. Ist die ganze Sippe dann aber wohlbehalten in Rimini angekommen, war die Freude groß und die ganze Mühsal schnell vergessen!

Grob gesehen ist unser Vorhaben recht ähnlich, nur das mit dem rechts ranfahren ist nicht so einfach. Und wie beim familiären Familientrip nach Rimini ist die Vorbereitung einfach alles!

Dabei haben Mutti und Vatti sich damals wie heute auf die folgenden Bereiche konzentriert:

1. Verpflegung - denn leerer Magen verreist nicht gern (und wird gern seekrank!)

2. Der (fahrbare) Untersatz - wenn der schlapp macht wars das!

3. Streckenplanung/Wetter – Abkürzungen, PitStop und Parasailor?

4. Kommunikation – ein Schwätzchen wird ja wohl erlaubt sein.

5. Stimmung – Schokolädchen zur rechten Zeit!

6. Magische Momente – die Highlights am Streckenrand

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Vor den blauen Bergen segeln wir …

Punkt Eins, die Verpflegung haben wir  – überwiegend Mareike – schon in Panama sorgfältig vorbereitet. Die geschmierten Stullen, der Kartoffelsalat, Kaffee und Softgetränke müssen bei uns für geschätzt maximal 40 Tage halten. Dafür haben wir auch etwas mehr Stauraum in unserem schwimmenden Paralleluniversum und mangels Raststätten eine eigene winzige Küche, auch Pantry genannt, dabei.

Neben unserem zuverlässigen Boot ist die gute Verpflegung der wichtigste Aspekt der Reise. Schließlich müssen wir zu dritt auf ca. 30 qm, sehr viele Tage und Nächte gut miteinander auskommen! Da ist ein knurriger Magen kein guter Begleiter. So stechen wir also am  23. Februar gut versorgt und gut gelaunt in See.

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Das Frühstück: Garantiert kapselfreier Hochseekaffee …
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… dazu selbst gebackenes Brot und Marmelade aus dem Plastikbeutel!

Jeder Tag beginnt auch auf See mit einem guten Frühstück, was bei uns meist aus Müsli oder selbst gebackenem(!) Brot besteht. Milch, frisches Obst und leckere Haferflocken sind willkommene Zutaten.

Eine besondere Bereicherung das Speiseplans versprechen wir uns von selbstgeangeltem Fisch. Nach einigen Fehlversuchen hängt dann tatsächlich an Tag 10 ein leckerer Thuna am Haken! Das weidmännische Erlegen dieses wunderbaren Fisches gelingt uns jedoch nicht so recht. Am Ende gleicht unser Cockpit einem blutigen Schlachtfeld und erinnert stark an einen billigen Splatterfilm — sorry pure old Thuna! Geschmeckt hat er dann jedoch ausgesprochen großartig.

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In Wirklichkeit war der Thuna natürlich doppelt so groß!

Irgendwann nach dem Höchststand der Sonne bereiten Mareike oder Genaro täglich die Hauptmahlzeit zu – oder versuchen dies zumindest! Schon an Tag drei wird dies zum Kunststück, da die Küche samt Boot wild schwankend über hohe, steile Pazifikwellen schlingert. Beide verkanten sich dann kunstvoll vor dem kardanisch aufgehängten Herd, der aber auch an seine (Schwing)grenzen kommt, und versuchen der Fliehkraft die Stirn zu bieten! Besonders tragische Momente lassen sich leider trotzdem kaum verhindern.

Besonders dramatisch gestaltet sich Tag 12:  Trotz Zickzack-Wellen, die uns eher an die Nordsee denken lassen, plant das Pantry-Team Kokosnuss-Reis, gebratene Kochbananen und (frischen!) Thunfisch. Der hoch ambitionierte Versuch endet jäh, als eine Kür-Verdächtige Wellenkombination den Herd nicht nur schwingen lässt, sondern diesen in der maximalen Schräglage aus unerfindlichen Gründen arretieren lässt. Als Resultat landet die Pfanne mit den in leckerem Kokos-Öl brutzelnden Bananen hochkant hinter dem Herd gefolgt von dem Reiswasser. Letzteres verschwindet nicht einfach hinter dem Herd, sondern wird blitzschnell unter diesem umgelenkt, um sich dann tsunamiartig in den Salon zu ergießen. Nachdem Mareike weinend und fluchend mit Skippers Hilfe alles aufgewischt hat, gibt es Grissini, Bananen und Rittersport!

Auch Genaro, der meist mit stoischer Ruhe seine mexikanische Kochkunst trotz Wellengang zelebriert, kommt immer wieder an seine Grenzen.  „Mierda!!!!“ tönt es dann aus der Pantry und alle wissen, dass es nicht rund läuft im Reich der Haute Cuisine!

Neben den geschmierten Stullen sind natürlich auch die Getränke gaaaanz wichtig. Alkoholisches am Steuerrad ist genauso tabu wie auf dem Weg nach Rimini. Wasser, Cola, Schweppes, selbst angerührte Limo und alkfreies Bier sind unsere Favoriten. Dank unseres kleinen aber sehr fleißigen Kühlschranks und einer zusätzlichen Kühlbox kommen wir so immer wieder in den Genuss eiskalter Erfrischungen!

Das tollste Frühstück haben wir schließlich an Tag 33 während wir die Südspitze von Fatu-Hiva umrunden!

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Tag 33: Breakfast …
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… at Fatu-Hiva

Und demnächst hier, live und in Farbe, Teil 2: Der (fahrbare) Untersatz - wenn der schlapp macht wars das!

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