Holly Golightly

#73
San Blas

Krokodile erst ab 17:00 Uhr!

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Belisario voraus!
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Hier steht sie still, die Zeit

Das San Blas-Archipel vor der Küste Panamas – die paradiesische Heimat der Kunas

Vor der karibischen Urwaldküste Panamas liegen ca. 370 traumhafte Koralleninseln in der karibischen See. Die meisten sind mehr oder weniger große, mit Palmen bewachsene flache Sandhaufen, umspült von kristallklarem Wasser. Ungefähr 50 dieser Inseln sind bewohnt – manche sehr dicht, sodass sich Gebäude an Gebäude reiht und andere nur ganz sparsam. Die gesamte Region (auch Guna Yala genannt) ist autonom und wird von den Kunas selbst verwaltet und bewohnt. Das allwissende Wikipedia meint dazu: „Sie konnten – vor allem durch den Autonomiestatus – wie kaum eine andere Ethnie Südamerikas bis heute ihre Kultur und Identität bewahren. 1953 erhielten sie einen Sonderstatus, wie er keiner anderen Ethnie Panamas eingeräumt wird. Ihre Form der Selbstverwaltung ist einzigartig.“

Von Kolumbien aus kommend, erforschen wir dieses paradiesische Paralleluniversum äußerst vorsichtig und mit viel Respekt. Mit viel Respekt, da die Kunas uns sehr fremd und verletzlich erscheinen – äußerst vorsichtig, da ihre Heimat auch eine beeindruckende Anzahl von Riffen enthält, die sich wiederum für unser Schiff als sehr verletzend erweisen könnten.

Unsere erste Ankerbucht erweist sich als Déjà-vu. Was erneut passiert, könnte man auch mit: "Rückwärts ist das neue Vorwärts!" beschreiben! Beim Einlegen des Rückwärtsgangs passiert mal wieder nichts. Statt Schub nach hinten geht´s stattdessen stramm vorwärts. Holly Golightly kennt eben immer nur eine Richtung: VORWÄRTS! Notgedrungen entwickeln wir eine neue Taktik: Immer so viel Abstand zu Riffen und Untiefen halten, dass wir im Falle des Falles noch durch eine elegente Kurve ausweichen können. Mareike ist begeistert ...

Der Kontakt zu den Kunas gestaltet sich einfach und überaus freundlich. Unser erstes kleines Kuna-Dorf, vor dem wir ganz alleine in einer kleinen, von Palmen gesäumten Bucht ankern, ist Belisario. Wir paddeln an Land und treffen am Strand auf einen fleißigen Bootsbauer, der aus einem gewaltigen Stamm ein erstaunlich großes Einbaum „schnitzt“. Wir sind total beeindruckt und er stolz wie Bolle, dass wir wiederum sein uraltes Handwerk so bestaunen. Froh gelaunt lässt er sich fotografieren und wir fühlen uns willkommen in seiner einzigartig schönen Welt!

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Bootsbau aus einem Stück
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Farbenfrohe Kuna-Frauen

So positiv gestimmt wagen wir uns an unser erstes Kuna-Dorf. Nur wenige hundert Palmen weiter betreten wir Anachucuna – das benachbarte Dorf von Belisario. Am Dorfeingang fragen wir vorsichtshalber nach, ob es ok ist durch die kleine Ansiedlung zu wandern. Ganz offensichtlich sind wir höchst willkommen und so tauchen wir ein in die Welt der Kunas. Neugierig durchstreifen wir die engen Gassen zwischen den recht einfachen Gebäuden. Es ist eine sehr fremde und exotische Welt, die wir entdecken. Viele neugierige Augen folgen uns und es dauert nicht lange, bis wir von einem jungen Mädchen zu einem Verkaufsgespräch eingeladen werden. Beauftragt wird sie von Mama und Großmutter, die gespannt um die Ecke des nächsten Gebäudes schauen, ob die Kundschaft anbeißt! Und ja, wir beißen an! Präsentiert wird uns farbenfrohes Kunsthandwerk, dass die Kuna-Frauen selbst herstellen. Im Angebot sind meist sogenannte Molas und Schmuck aus winzigen bunten Perlen. Als Einstiegsdroge in ihre kunsthandwerkliche Welt entscheiden wir uns für ein paar bunte Ohrringe. Bezahlt wird mit US-Dollar, dem universellen Zahlungsmittel in Panama. Nachdem wir die lokale Wirtschaft auf diese Weise ein wenig angekurbelt haben, setzen wir unsere Besichtigung interessiert fort. Spannend erscheint uns die Tatsache, dass auf einigen Strohdächern Solarpanele montiert sind, deren Hauptzweck offensichtlich das Aufladen von Smartphones ist. Schon am Dorfeingang war uns eine junge Schönheit aufgefallen, die komplett in ihre traditionelle Tracht gehüllt, auf einem Smartphone herumwischte – lieber Steve Jobs, was hast du nur angerichtet!? Auf unserer Wanderung durch die Insel finden wir überraschend die Überreste einer uralten Dampflock. Wie die wohl hierin gekommen ist? Eine Eisenbahnlinie gab es hier mit Sicherheit nie.

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Tropical Garden in Anachucuna
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Die Hauptstraße von Anachucuna mit Solarpower
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Willkommen in Belisario
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Es war einmal eine Lokomotive …
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Vermüllte Strände sind leider keine Seltenheit
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Die Feuchtrasen-Arena, Sponsor wird noch gesucht!

Am Tag darauf segeln wir weiter die Küste entlang. Mit Hilfe zweier digitaler Seekarten die wir parallel verwenden, suchen wir uns den Weg durch die zahlreichen Riffe. Der Blick auf den Tiefenmesser und der fehlende Rückwärtsgang lassen den Adrenalinpegel ab und an rasant steigen. Während die Daten der einen Karte alt (aber digitalisiert) sind, basieren die anderen auf den Messungen von Eric Bauhaus, einem deutschen Segler, der hier jahrelang unterwegs war und einen sehr hilfreichen Segelführer ("Der Bauhaus") zu der Region verfasst hat. Nach einiger Zeit stellen wir fest, dass weder die alten noch die neuen Karten wirklich stimmen. Richtig gut sind aber die auf den Bauhaus-Karten verzeichneten Wegepunkte, denen wir meist folgen. Diese wurden schon von vielen Seglern „benutzt“ und sind daher erprobt und sicher. So schleichen wir also im wilden Zickzack-Kurs durch die Riffe. Es ist schon etwas „strange“ wenn rechts die Brandung auf die Korallenriffe donnert und links von uns das Wrack einer Yacht auf einem Riff liegt! Unser Vertrauen in die Wegpunkte wird aber nicht enttäuscht – Holly Golightly gleitet ohne knirschende Kontaktaufnahme zu den empfindlichen Korallenriffen sicher von Insel zu Insel.

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Haus am See – ein Zipfel Mulatupu mit Holly im Hintergrund

Sehr unterhaltsam aber leider auch folgenschwer für Mareikes Wohlbefinden, wird unser Halt vor Mulatupu. Diese größte Kuna-Ansiedlung liegt an einer Flussmündung und verfügt über ein kleines Krankenhaus und eine Schule. Auch hier haben wir in Sachen Anwesenheit ein klares Alleinstellungsmerkmal. Dementsprechend groß ist das Interesse an unserem Besuch. Nach und nach trauen sich immer mehr neugierige Kunas mit ihren Einbäumen in unsere Nähe. Nachdem die ersten Holly Golightly erfolgreich geentert haben gibt es kein Halten mehr. Eine Besuchergruppe nach der anderen kommt freudestrahlend an Bord und erforscht unsere kleine Welt.

Das Fernglas wird wie ein Wunder herumgereicht und es wird über die Fern- oder Nahsicht – je nachdem wie rum man das sonderbare Objekt hält – gestaunt. Ein Mädchen entdeckt durch das Fernglas am Strand ihren Vater und ist total erstaunt darüber, dass er ihr plötzlich so nah ist. Der kleine Stau vor unserem WC bietet ein besonders amüsantes Bild: die Halbwüchsigen stehen mit herunter gelassener Hose Schlange, um in diese seltsame Schüssel zu pinkeln! Und was denn das da vorne seltsames ist (unser Bett in der Frontkabine) wird ebenso diskutiert – Kunas schlafen in Hängematten. Angeblich werden sie in diesen geboren und auch begraben!

Drei Errungenschaften der modernen Zivilisation sind für die Besuchernen von besonderem Interesse: 1. unser Fernglas, 2. das Bett in der Frontkajüte und 3. unser WC.
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Ein lustiges Kommen ...
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… und Gehen!
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Freds neue Kumpel!
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In der Warteschleife
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Mulatupus junge Matrosen …
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… und Matrosinnen an Bord
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Vatti, ich seh dich!
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Mareike erklärt die Welt

Nach einer Vielzahl lustiger und netter Besuche von Jung und Alt sind wir froh als es dämmert und verziehen uns unter Deck. Wir erwidern wir den Besuch am nächsten Tag und schauen uns Mulatupu näher an. Nach ca. 30 Minuten werden wir von David angesprochen, der hier wohnt und ganz offensichtlich sehr interessiert an Kontakt zu Besuchern ist. Engagiert führt er uns über seine Insel und erzählt allerlei spannende Dinge über seine Welt. Er zeigt uns stolz das lokale Gesundheitszentrum, das gerade von einem Arzt besetzt ist und daher von hilfesuchenden Kunas besucht wird. Obwohl die indigene Bevölkerung hier eine sehr hohe Lebenserwartung hat, zwickt es den oder die Kuna wohl auch mal hier und dort.

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David zeigt uns seine Welt
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Ist das ein Meerschweinchen?

Da der Ort direkt an einer Flussmündung liegt, interessiert uns, ob es hier wohl Krokodile gibt. Die Antwort beruhigt nur bedingt, verblüfft uns aber sehr:

„Ja natürlich gibt es Krokodile! Diese kommen aber immer erst ab 17:00 Uhr und fressen nur die Hunde am Strand!“

Nun sehen wir den kleinen Kindern, die völlig unbeaufsichtigt im Wasser toben, doch etwas besorgter dabei zu. Aber es ist ja auch noch nicht 17:00 Uhr! Man stelle sich das in Deutschland vor – ein Badestrand an dem ab nachmittags die Hunde von Krokodilen gefressen werden. Da hätten die armen Krokos wohl keine glückliche Zukunft!

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Glück gehabt – die Krokodile fressen nur die Hunde!
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