Holly Golightly

#70
Islas del Rosario

Culo de Pollo – Schiss des Hühnchens

  • Reisegeschichten

Manchmal kommt´s dicke und manchmal noch viel dicker!

PROLOG • Die segelnde Community kennt drei Arten von Wind: Zu viel, zu wenig oder aus der falschen Richtung. Was ein zu viel an Luftbewegung anrichtet, hat man im Oktober 2023 eindrucksvoll in der Ostsee erlebt. Zu wenig Luftbewegung degegen drückt aufs Tempo, das mag man auch nicht immer. Luft aus der falschen Richtung wiederum erzwingt Umwege und reduziert den Vorrat an Geduld, der ab und an recht beschränkt ist. Macht man sich mit einem Boot auf die Reise, sollte man auf alle Windarten vorbereitet sein – sicherheitshalber vor allem aber auf zu viel Wind! Denn obwohl wir dank der modernen digitalen Wettergurus recht gut einschätzen können, was wann und wo um die Ecke weht – ein gewisses Restrisiko bleibt immer.

Könnten wir uns nun aussuchen, wo ein viel zu viel an Wind uns erwischt, ob im Hafen oder auf hoher See, so wäre die Entscheidung nicht einfach. Bis zu einer gewissen Windstärke ist man in einem Hafen gut aufgehoben. Weht es noch stärker, werden schlechter geschützte Häfen jedoch zur Falle. Immerhin kann man sein Boot noch verlassen und sich in Sicherheit bringen. Erwischt es einen auf hoher See, so hat man zwar viel Platz, kann aber leider nicht aussteigen – nun muss man dadurch und hoffen, dass alles gut geht.

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Die Windsituation am 10.09.2023, um 4:00 Uhr kolumbianischer Ortszeit zwischen Afrika und Mittelamerika. Die roten Felder bedeuten Windenergie im Überfluss. Mitten auf dem Atlantik Hurrikan „Lee“, einer der stärksten Hurrikane der letzten Jahrzehnte (2). Westlich davon unser „Schiss des Hühnchens“ (3), ein aus mehreren großen lokalen Tiefdruckgebieten bestehendes Unwetter. Im Osten entsteht gerade "Margot", der 14. Hurrican der Saison 2023.

Holly Golightly und Crew haben bezüglich stürmischer Momente auch schon die eine oder andere Erfahrung auf der Reise gemacht. Zwischen Portugal und Madeira oder vor den Kapverden hat uns der Wind das himmlische Kind schon ordentlich geärgert. Was sich dieses ungezogene Blag allerdings in der Ankerbucht vor den Rosarios ausgedacht hat, ist extrem pubertär. Das hier ab und an auftauchende Wetterphänomen nennt sich „Culo de Pollo“, was auf deutsch so viel bedeutet wie „Schiss des Hühnchens“. Es ist nicht vorhersehbar und kommt quasi aus dem Nichts.

Als es in der Nacht zum 10 September morgens um 4:00 in der Frontkabine plötzlich hoch und runter geht wie auf dem Rummel, ahnt auch der dort nun nicht mehr seelenruhig schlummernde Skipper, dass was aus dem Ruder läuft. Unser eigentlich ruhiger Ankerplatz in einer V-förmigen Bucht hinter einem in zwei bis drei Metern Tiefe liegenden Riff, verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in einen überdimensionierten Whirlpool. Mareike ist ebenfalls hellwach und checkt besorgt die Lage. Ein orkanartiger Wind aus Süden schiebt die Wellen, die sich auf dem vorgelagerten Riff in eine fiese Brandung verwandeln, plötzlich mit Nachdruck in unsere Bucht.

Wir ankern auf ca. vier Metern Wassertiefe neben zwei anderen Yachten. Als kleine Dreingabe befindet sich zwischen den drei Schiffen eine große, stählerne Festmachertonne – natürlich unbeleuchtet! Die gemeine Brandung und der stürmische Wind lassen unsere ca. 25m Ankerkette nun richtig auf Spannung gehen. Auf der elektronischen Seekarte können wir dank GPS beobachten, dass wir uns (noch) nicht bewegen. Leider ist dieser Stillstand nicht von langer Dauer. Noch bevor wir die Ankerkette verlängern oder bergen können, sehen wir, dass wir auf Drift gehen – direkt in Richtung des hinter uns liegenden felsigen Ufers! Der sonst so zuverlässiger Bügelanker hat sich also auf Reisen begeben!

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Anhand des Tracks können wir später nachvollziehen, wo der Anker sich so rumgetrieben hat. Zwischen Position 1 und 2 liegen gut 100m!

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4:00 Uhr Ortszeit: Der Tanz beginnt!

Sofort starten wir den Gott sei Dank immer perfekt anspringenden Schiffsdiesel und halten mit voller Kraft dagegen – so versucht der Skipper nun inmitten orkanartiger Böen und sintflutartigem Regen Holly Golightly irgendwie zwischen Ufer und vorgelagertem Riff zu halten.

Das Ganze entpuppt sich als zähes Ringen zwischen Windenergie, Brandung, unseren 29 Dieselpferden und einem wild gegensteuernden Franz. Die mutige Mareike unterbreitet laut gegen den Wind skandierend, spontan das Angebot, den Anker aufzuholen. Da die Ankerkette aber durch eine Ankerkralle gesichert ist – was das Ankerauf-Manöver zusätzlich erschwert – und der Bug wie ein Rollercoaster auf und ab schießt, lehnt der Skipper dieses tolle Angebot sofort ab – viel zu gefährlich! Die Konsequenz ist, dass wir bleiben müssen, wo wir sind. Aus der Bucht raus könnten wir eh nicht – außer wir würden lebensmüde über das teilweise nur 2 m tiefe Riff motoren, was bei dieser Welle einem Selbstzerstörungsversuch nahekäme.

Solch ein Problem hat unser Freund Jörg, der gleich nebenan ankert, in dem Moment schon nicht mehr. Ihm hat der Sturm die komplette Ankerkette aus der Ankerwinsch gerissen, die sich dann unter lautem Getöse ins Meer verabschiedet hat – was wir zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen.

So motoren wir also auf der Stelle gegen Wind und Wellen und versuchen den Bug im Wind zu halten. Die ebenfalls neben uns ankernden Franzosen Noé und Vincent haben genau den gleichen Plan. Zwei, drei Mal kommen wir uns gefährlich nahe, können aber immer das Schlimmste verhindern. Während dieses Infernos bemerken wir plötzlich, dass Jörg mit seiner Ketch an uns vorbei rauscht – direkt in Richtung des Ufers hinter uns – also in die absolut falsche Richtung!! Uns wird Angst und Bange um ihn und sein schönes Schiff …

Davon nicht unbeeindruckt versucht sich der Skipper weiter verzweifelt in der Kunst des Stillstandes, während Mareike ihm immer wieder zubrüllt, wo genau die sch… stählerne Festmachertonne ist, die sich immer irgendwo hinter uns in der Dunkelheit befindet. Da es ab und an unmöglich ist, den Bug im Wind zu halten, dreht Holly gezwungenermaßen einige wilde Pirouetten, während die Crew betet, dass die Ankerkette bloß nicht den Weg in den wild rotierenden Propeller findet.

Ungefähr 20 Minuten später taucht Jörgs „Tai Atea“, die wir schon lange auf einem Riff oder am Strand vermuten (wo er tatsächlich auch war!) wie ein Geisterschiff aus der Nacht wieder auf und dampft mit Vollgas voraus aus der Bucht – direkt über einige Riffe hinweg. Was für ein Schauspiel!

Irgendwann später spüren wir unvermittelt einen gewaltigen Ruck durchs Boot gehen und befürchten kurz, dass nun doch die Ankerkette mit der Schiffsschraube in Kontakt gegangen ist – jedoch ist Gott sei Dank nur unser Anker die Ursache. Er hat wieder Halt gefunden und Holly "steht" ab sofort wieder sicher auf Position, was uns endlich Zeit zum Durchatmen gibt!

Bisher gar nicht bemerkt haben wir, dass unser hölzernes Beiboot „Fred“ komplett vollgelaufen ist und zu sinken droht. Aufgrund der Wellen und des Windes können wir aber nichts dagegen unternehmen und beten zu Neptun, dass „Fred“ nicht auf Tiefe geht!!

Mit der Morgendämmerung macht sich der „Schiss des Hühnchens“ langsam vom Wasseracker. Adrenalingesättigt bis in die Haarwurzeln hängen wir in den Tauen und lecken unsere Wunden – solch ein Inferno aus Sturm, Wellen und Regen haben wir noch nie erlebt!

Später schaffen wir es dann auch, Fred wieder zu entwässern und entdecken, dass er leider eines seiner hölzernen Ruder verloren hat. Per Funk halten wir Ausschau nach Jörg und seiner Ketch. Dieser meldet sich zu unserer Erleichterung und berichtet von seiner alptraumartigen Nacht. Erst hatte es ihm den Anker gekostet, dann hatte er Probleme, den Motor zu starten. Er ist tatsächlich auf einer Sandbank hinter uns aufgelaufen aber wie durch ein Wunder wieder flott geworden. Da Jörg alleine ist und nur mit Papierkarten navigiert, war es für ihn fast unmöglich, die Orientierung zu behalten. Nachdem er es aus der Bucht geschafft hatte, ist er anschließend Stück für Stück mit den Wellen über einige Korallenriffe gerutscht, was seine stählerne Tai Atea aber wohl ohne größere Blessuren weggesteckt hat – so hofft er zumindest.

Als er dann Stunden später wieder auftaucht, macht er mithilfe der jungen Franzosen an der stählernen Tonne fest und wir fallen uns tatsächlich ein paar Tränen vergießend in die Arme! Was für ein Glück – alle drei Boote haben diesen Albtraum nahezu unbeschadet überstanden! Im Laufe das Tages wird dank der unglaublichen französischen Tauchkünste Jörgs Ankerkette incl. Anker wieder gefunden – so halten sich die Verluste Gott sei Dank in Grenzen. Auf dem Tracker, der unseren wilden Ritt genau aufgezeichnet hat, sehen wir später, dass unser Anker wohl auch zwischendurch wieder gefasst hatte und wir ohne es zu genau zu wissen, meist doch zusätzliche Unterstützung durch diesen hatten.

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06:00 Uhr: Unser Logenplatz in Sachen Orkan.

EPILOG • Die Spuren, die der „Schiss des Hühnchens“ in unserer Psyche hinterlassen hat, sind nicht ohne. Noch Wochen später werden wir immer dann, wenn der Wind in der Ankerbucht plötzlich auffrischt, sehr nervös und etwas angespannt. Andererseits wissen wir nun, dass wir und unser Schiff auch mit sehr, sehr viel Wind umgehen können. Auf den Wetterradar-Aufzeichnungen vom 10.09.23 sehen wir später, dass es zwischen Afrika und Lateinamerika zu dem Zeitpunkt drei richtig große Stürme gab. Der entstehende Hurrikan "Margot" westlich der Kapverden, der Hurrikan „Lee“ mitten auf dem Atlantik (einer der stärksten Hurrikane der letzten Jahre) und unser „Culo del Pollo“ über Kolumbien, der interessanter Weise aus zwei Tiefdruckzellen bestand – wir lagen genau mittendrin!

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"Fred" taucht wieder auf ...
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… "Tai Atea" wenig später auch!
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