22 km Treibnetz und einmal Abschleppen, bitte!
Torres Strait - Kupang/Indonesien
Am Samstag dem 23. August suchen und finden wir den Weg aus der Torres Strait Richtung Westen. Statt der befürchteten ruppigen See als Ergebnis von „Wind gegen Welle“ – einem Zweikampf der selten gut ausgeht – erwarten uns entspannte Bedingungen. So richten wir Hollys Bug mal wieder Richtung Westen und gewöhnen uns erst mal neu an das Bordleben mit Wachwechseln und Gewackel und Geschaukel. Gegen Abend holen wir Jacqueline mit ihrer Loveworkx ein. Wir freuen uns! Es ist doch immer wieder schön, nicht so ganz allein auf hoher See zu sein. So können wir dann auch Tags darauf Jacqueline „über die Reling“ hinüber zum Geburtstag gratulieren. Vor Start hatten wir ihr noch ein buntes Paket überreicht, das wir mit allerlei Kleinigkeiten gefüllt haben, um ihr den einsamen Soloseglerinnen-Hochseegeburtstag ein wenig zu versüßen.
Unser aktuelles Segelrevier, die Arafurasee, also grob beschrieben der Bereich zwischen Australiens Nordküste und Neu Guinea, ist auch bei anderen Seefahrern recht beliebt. Vor allem große Fischtrawler aus Ostasien geben hier alles, um auch den letzten Thunfisch aus dem ohnehin überfischten Gewässer zu ziehen. Praktischer Weise verfügen sie alle über AIS, so dass wir den „Gegner“ früh genug sehen können. Auf unserer elektronischen Seekarte, auf der wir alle Schiffe mit AIS sehen können, erinnert das Symbol der Trawler tagsüber an einen kleinen Besen mit langen Borsten. Statt nur einer Kurslinie, die nach vorne zeigt, sind es um die zehn Linien, die man erkennt. Der Grund dafür sind die mit GPS und AIS ausgerüsteten Netzbojen, die sie an Bord haben und die anscheinend rund um die Uhr „senden“. Immerhin richten sie diese alle nach vorne aus – ansonsten wäre es schwierig zu erkennen welchen Kurs die Trawler nehmen. Die tagsüber recht harmlos herumstreifenden Fischer werden Nachts nämlich zu einer echten Herausforderung.
Direkt in der zweiten Nacht haben wir so einen asiatischen „Captain Iglo“ backbord vorraus. Zur Begrüßung schmeißt er uns die erste Boje, die den Anfang des Treibnetzes markiert, vor den Bug. Wir weichen etwas nach steuerbord aus und hoffen so unseren Kurs nach Westen, parallel zu ihm, halten zu können. Aber nix da: Captain Iglo ändert seinen Kurs immer mehr nach nordwest und schmeißt im Abstand von einer Seemeile Boje um Boje in die See. Überholen können wir ihn leider nicht, da er mit 5 bis 6 Knoten unterwegs ist und damit genauso schnell wie wir. So bleibt uns nichts anderes übrig, als immer parallel zu ihm zu bleiben und darauf zu warten, dass ihm das Netz ausgeht. „Nur“ 22 km oder 11 Seemeilen später ist es dann soweit – die letzte der 11 Bojen ist über Bord geschmissen und wir können endlich, nach zwei Stunden und dem Passieren der letzten Boje, wieder auf unseren eigentlichen Kurs gehen. Hinter uns treiben nun 22 km Netz mit der Strömung durch die Nacht und alles was hineingerät ist rettungslos verloren – leider auch viele Meersbewohner wie Delfine, Haie und Schildkröten. Bei der Menge und Größe der Netze wundert man sich, dass hier überhaupt noch Fischstäbchen & Co aus dem Meer zu holen sind.
Und leider ist der Kutter ist nicht alleine. Überall um uns herum gibt es weiter Netzreihen, die aber immerhin alle parallel liegen, so dass wir nicht zickzack manövrieren müssen und nur schauen, dass wir den tückischen Gebilden nicht zu nahe kommen.
Wie gefährlich diese Netze sind, erfahren wir wenige Tage später. Über Star Link haben wir Kontakt zu einer deutschen Yacht, die in solch ein Netz geraten ist und nun als Beifang darin hängt. Mareike rät ihnen, Bremen Rescue zu kontakten, da die Fischer selbst nicht auf Funksprüche reagieren. Der Tip erweist sich als goldrichtig, da Bremen Rescue die Kollegen in Australien informiert, die wiederum feststellen, dass der betroffene Trawler in australischen Gewässern unterwegs ist und ihn daraufhin informieren, dass er statt Meeresfrüchten auch eine Yacht im Netzt hat. Die Fischer, denen an solchem Beifang auch nicht gelegen ist, helfen auch bei der Befreiung der deutschen Segler-Kollegen. Diese können die Reise nach Darwin dann nur noch unter Segeln fortsetzen, da der Propeller schwer beschädigt ist (die Netzte hängen an Stahlseilen!). Später in Darwin stellen sie dann tragischer Weise fest, dass der Schiffsmotor komplett zerstört ist. Durch die unnatürliche Schräglage im Treibnetz ist verumtlich Wasser in den Antrieb gelaufen.
Die folgenden Tage werden dann etwas entspannter. Wir sehen die Trawlerflotten zwar am Horizont aber so richtig nah kommen sie uns nicht mehr. Der Wind weht anfangs mit günstigen 8 bis 12 Knoten, lässt aber von Tag zu Tag nach. An Tag 6 müssen wir unseren alten Schweden, den Volvo zu Hilfe nehmen, um voran zu kommen. Leider produziert dieser plötzlich ein seltsames Geräusch, was die Stimmung an Bord merklich drückt. Aber das Geräusch verschwindet wieder und wir freuen uns, dass wir schon die Hälfte der Strecke geschafft haben. An Tag sieben sind die Fischer endgültig verschwunden, dafür begleiten uns ein paar Pilotwale, was wir wesentlich angenehmer finden!
Die Abwesenheit der Fischer läßt uns auch die Nächte, die oft erstaunliche Events bieten wieder genießen. In Nacht eins versucht vermutlich ein großer Tintenfisch einen Salto über uns zu schlagen. Bei der Aktion „tintet“ er Holly Golightly einmal von steuerbord nach backbord voll, was ihr vermutlich wenig gefällt. Der Reinigungsprozess gestaltet sich erstaunlich mühselig – krass wie intensiv diese Tinte „made by squid“ doch ist! In der darauffolgenden Nacht erfreut den Skipper eine riesige Sternschnuppe, die einem Feuerball gleich, über den an sich schon tollen Sternenhimmel rast und dann ihr kurzes aber helles Leben explosionsartig beendet. Die letzte Nacht vor unserem Ziel hält noch ein besonderes Schauspiel für uns bereit: Holly Golightlys Rumpf wird von von tausenden, hell leuchtenden Quallen umspielt – ein wirklich zauberhaft grandioses Spektakel!
Seitdem wir Starlink an Bord haben, sind wir auf See viel besser vernetzt mit anderen Segelbooten. Es fühlt sich gut an und gibt Sicherheit zu wissen, wo im Umkreis weitere Boote unterwegs sind. Wir haben auch einfacher Kontakt und lernen andere spannende Crews kennen. So ist auf dieser Etappe die "Oatenec" aus Frankreich hinter uns. Wir haben die Crew auf Thursday Island auf der Straße kennen gelernt und sind nun mit ihnen in regem Austausch. Es ist interessant, über was für kleine und zu Hause unbedeutende Themen wir uns mit fremden Menschen austauschen: Wir beschreiben uns gegenseitig und im Detail, was es wann zu essen gab oder wer es unterdessen geschafft hat, sich die Haare zu waschen. Gefühlt sitzt man im gleichen Boot und es tut gut zu merken, dass am Ende des Tages alle die gleichen Themen haben.
Dank Star Link erreicht uns über die App "Noforeignland"* ein Hilferuf aus den USA. Mary sucht Hilfe für einen Solo-Ruderer, der irgendwo hinter uns und nördlicher unterwegs ist. Sein Wassermacher ist kaputt gegangen und er benötigt dringend Trinkwasser, da er nur noch 3,8 Liter an Bord hat. Wir sind ziemlich alarmiert. Selbst wir halten es in dieser Hitze und UV-Strahlung kaum draußen aus, obwohl wir dank unserem Bimini ziemlich viel Schatten haben. Ruderboote haben gar keine Beschattung und dann nur noch knapp vier Liter ... das klingt nicht gut! Zunächst finden wir heraus, wo genau Aaron mit seiner "Smiles" ist. Leider ist er etwa 45 Seemeilen nördlich von uns. Sein Ziel ist die Insel Saumlaki und nicht Kupang, wo wir hinwollen. Aktuell haben wir keinen Wind und wenn wir umdrehen haben wir auch noch Gegenströmung. Die Tatsache, dass unser Volvo mal wieder mit seltsamen Geräuschen auf sich aufmerksam macht, motiviert uns noch weniger nun auch noch umzudrehen.
Wir schreiben also die "Oatenec" an, die wiederum mit der "Anastacia" aus Schweden Kontakt hat. Die "Anastacia" will auch nach Saumlaki, wird Aaron am nächsten Tag einholen und erklärt sich bereit, ihn mit Wasser zu versorgen. Wie gut! Später erfahren wir wir, dass sie die "Smiles" mit dem erschöpften Aaron aufgegabelt haben und ihn nach Saumlaki geschleppt haben.
Diese Situation ist ein gutes Beispiel dafür, was für ein "Gamechanger" Starlink für uns Selgler:innen ist. Und so so sind wir – trotz all den Bedenken, die wir hatten etwas von Herrn Musk zu kaufen – inzwischen doch glücklich, es dabei zu haben.
*Die App "Noforeignland" ist von und für Segler:innen. Sie lebt davon, dass alle Segler weltweit Orte eintragen und Erfahrungen mitteilen. Außerdem kann man mit allen registrierten Booten in Kontakt treten, sich nach der Situation in Ankerbuchten erkundigen oder eben Smalltalk auf See führen. Wir sind große Fans!
Da Herr Wind sich auf den letzten Seemeilen mal wieder ein Päuschen gönnt, muss am Ende unser Motor wieder ran. Der Volvo brummt ohne komische Geräusche zufrieden vor sich hin und wir kommen unserem Ziel, der Stadt Kupang im Westen der Insel Timor gelegen, näher und näher. Bevor wir dort den Anker fallen lassen können, müssen wir noch durch einen ca. zehn Seemeilen langen Kanal zwischen Westtimor und der kleinen Insel Pulau Semau. Das Ankommen dort timen wir so, dass wir im Morgengrauen am Ziel sind, da wir befürchten, dass in dem Kanal viele einheimische Fischer aktiv sein könnten. An der Einfahrt zu der Meeresenge begrüßt uns ein großes neues Kohlekraftwerk, dass mit billiger Australischer Braunkohle gefüttert wird. Solarenergie ist hier – trotz der vielen Sonne – noch absolut kein Thema. Mittlerweile ist auch Loveworkx hinter uns am Horizont aufgetaucht und wir warten auf Jacqueline, damit wir die Passage durch den Channel gemeinsam in Angriff nehmen können – dies soll sich nur kurze Zeit später als überaus kluge Entscheidung erweisen. Wie befürchtet ist der Kanal tatsächlich voller emsiger kleiner Fischerboote, die gerade alle ihre Netze einholen. Außerdem befinden sich mitten im Fahrwasser unzählige Bojen (immer eine weiße und eine schwarze), um die wir respektvoll herumkurven. Nachdem Jacqueline aufgeschlossen hat, tuckert die kleine deutsche-niederländische Flotte dem nahen Ziel entgegen.
Ein kleines Abenteuer wartet aber noch auf uns: Ca. 3 sm vor der Ankerbucht ändert Loveworkx plötzlich unerwartet den Kurs, um uns kurz darauf mitzuteilen, dass ihr Motor nicht mehr läuft! Dieser hat in diesem denkwürdigen Moment – was wir jetzt noch nicht ahnen – seinen Dienst für immer beendet. Da wir keinen Wind aber eine leichte Gegenströmung haben und Jacqueline unmittelbar neben einem ankernden Frachter umhertreibt, drehen wir auf der Stelle um. Sofort beim ersten Versuch gelingt es uns, eine Leinenverbindung herzustellen und sie von dem sehr nahen Frachter wegzuziehen. Team Deutschland schleppt nun Team Niederlande Richtung Ankerbucht, was etwas Geduld erfordert – immerhin hängen jetzt noch etwa 3,5 Tonnen Bonus-Gewicht an unserem Heck. Aber unser alter Volvo schlägt sich tapfer; mit ungefähr drei Knoten Speed schleppen wir die Grinde um die nächste Ecke Richtung Kupang und Ankerbucht. Dort angekommen wird das Manöver kompliziert, da der Platz zum Ankern recht beschränkt ist und Jacqueline leider nur wenig Ankerleine hat. Wir müssen sie also ins recht flache Wasser ziehen, was an sich kein Problem wäre – lägen dort nicht schon unzählige kleine Fischerboote recht nah beieinander. Die rettende Idee hat Mareike! Sie kontaktet unseren Indonesischen Agenten* Matthew via WhatsApp, was dank Star Link kein Problem ist. Dieser kommt dann tatsächlich wenig später mit einem Helfer im Dingi angerauscht und dockt seitwärts an Loveworkx an. Das Ganze wirkt etwas abenteuerlich, da das Dingi eindeutig überfordert ist, klappt aber letztendlich dann doch. Kurz nachdem wir einen Ankerplatz gefunden haben, liegt auch Jacqueline sicher vor Anker. Hurra, wir haben es nach 11 Tagen geschafft – Indonesien, here we are!
*Um in Indonesien mit einem Boot einzureisen, ist ein sogenannter „Agent“ überaus hilfreich. Er erledigt all die mühseligen und manchmal schwer zu verstehenden Behördengänge und Formalitäten für eine Crew. Auch hilft er gerne bei allen anderen Dingen wie Beschaffung von Diesel, Ersatzteilen oder Adressen.