Holly Golightly

#152
Kastellorizo/Rhodos/Simy

Wasserhosen, ein queeres Kreuzfahrtschiff und Busfahren am Abgrund

  • Reisegeschichten

Die kleine aber feine Insel Kastellorizo, direkt am türkischen Festland gelegen, ist unser nächstes Ziel.

Die 150 Seemeilen, die dazwischen liegen vergehen unspektakulär und schnell – denken wir! Da haben wir die Rechnung allerdings ohne den mediterranen Wettergott gemacht. Dieser dreht ganz schön am (Wind)Rad und schickt uns mal eben ein paar Wasserhosen vorbei. Mareike entdeckt zuerst, dass sich am Himmel, aus den Wolken heraus, seltsame kleine Rüssel bilden, die dann länger und länger werden. Kurze Zeit später saugt eine beeindruckende Wasserhose kräftig am warmen Mittelmeer – nur ein bis zwei Seemeilen entfernt von uns. Wir drehen nun auch am (Steuer)Rad und ändern den Kurs Richtung Süden. Nur weg hier! Angespannt beobachten wir den Himmel, der dunkel und bedrohlich erscheint und immer wieder versucht eine trichterförmige Verbindung zur Wasseroberfläche aufzubauen. Doch nach und nach hellt sich die Lage auf, die Verbindungsversuche lösen sich endgültig in heiße Luft auf und der Spuk verschwindet. Et hätt ma wieder jod jejangen!

Stay away from Holly!
Sicher angekommen

Am nächsten Nachmittag erreichen wir Kastellorizo und freuen uns über einen netten Platz am kleinen Stadtpier.

Man liegt hier ein wenig wie im berühmten St. Tropez: Mit dem Heck am Pier, vor den bunten Restaurants und der Flaniermeile der Stars, die es hier aber Gott sei Dank nicht gibt. Megayachten, Ferraris und Champuskühler glänzen ebenfalls durch Abwesenheit. Auch abwesend sind Liegeplatzgebühren – alles kostenlos, sogar inkl. Wasser. Was für ein Luxus!

Flagge zeigen
Das pitoreske Kastellorizo mit "uns Seglern"
Mit dem Heck zum Pier, das rat ich dir!
Fast schon kitschig, oder?

Noch mehr freut es uns, dass tatsächlich drei Boote anwesend sind, die wir schon aus dem Roten Meer kennen! Da ist unsere kleine internationale „Langfahrercommunity“ doch tatsächlich wieder vereint – zumindest teilweise. Bruno aus Brasilien und Jay und Alex aus den Niederlanden liegen sogar neben uns, bzw. ganz in der Nähe. So ziehen wir also abends mit alten Bekannten um die weißen Häuser oder unternehmen gemeinsam kleine Ausflüge. Einen sehr netten Neuzugang haben wir auch noch zu verzeichnen: Julia (aus Kölle!) und Damian mit ihrem Sohn Leo, die mit einem großen Katamaran auf Reisen sind, erweisen sich als supernette Bereicherung unserer Gruppe.

☹️ 😐 😄 Nur Mut!

Endlich zum Einsatz kommt jetzt unsere brandneue "Do it yourself-Gangway", überzeugt jedoch nicht so ganz, da doch recht schmal geraten. So grenzt es immer ein wenig an eine Mutprobe von Bord oder wieder an Bord zu gelangen.

Um den Nutzern und Nutzerinnen Mut zu machen, versieht der Skipper die Lauffläche mit einigen Smileys, die allgemeinen Zuspruch bekommen.

Kastellorizo erfüllt so einige Klischees, die einem in den Sinn kommen wenn man an griechische Inseln denkt. Die schönen Häuser, der immerblaue Himmel, die Menschen und das bunte Leben auf den Plätzen und Wegen – einfach schön. Ein Grund für diese pittoreske Schönheit ist die Tatsache, dass die Insel in den letzten Jahren massiv vom Griechischen Staat unterstützt wurde, da sie unmittelbar vor der türkischen Küste liegt und somit wichtige Gebietsansprüche sichert. Da um die Insel herum wertvolle Bodenschätze vermutet werden, hat die türkische Regierung natürlich eine gänzlich andere Meinung in dieser Angelegenheit. Davon merkt man hier jedoch nichts. Große und kleine Fähren verbinden täglich Kastellorizo mit dem türkischen Festland und bringen viele Besucher für kurz oder lang auf die sonnige Insel.

Einmal täglich: Mehr Fähre geht nicht in die Bucht

Was fehlt, ist leider ein richtiger Strand. Es gibt jedoch einige kleine Badestellen in der Nähe des Piers. Das Schöne an dem Ort ist das Gefühl, dass der Tourismus hier (noch) nicht die Oberhand gewonnen hat, aber willkommen ist. Ob das wohl in zehn Jahren immer noch so ist?

Wir sind's

Um den drohenden Overtourismus im Keim zu ersticken, verlassen wir diesen schönen Ort nach knapp einer Woche und machen uns auf nach Symi, einer griechischen Insel der Kykladen die knapp 90 sm entfernt liegt. Auf Höhe von Rhodos wird die See jedoch extrem ruppig und ein Vorankommen wird immer schwieriger. Nach einem spontanen Stuhlkreis zwecks Erörterung der Lage, ändern wir den Kurs und gehen in der Nähe der Stadt Rhodos vor Anker.

Parken vor Rhodos
Fred macht fest

Da sie nun schon mal um die Ecke ist, beschließt die Holly-Besatzung die berühmte Inselhauptstadt mit ihren vielen Sehenswürdigkeiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Nicht weit von unserem Ankerplatz entfernt befindet sich ein kleiner Steg, den wir nutzen, um mit Fred an Land zu gehen. Von hier aus ist es ca. einen Kilometer Fußweg bis zur Altstadt, die von einer gewaltigen Stadtmauer umgeben ist. Am Weg liegt eine große Marina und ein kleiner Yachtzubehör-Shop, der u.a. sehr verlockende Gangways feil bietet.

Gepflegte Gastro am Wegesrand

Die Altstadt von Rhodos ist natürlich eine Reise wert. Leider erinnert sie uns mit ihrer maximalen Dichte von Souvenir-Shops und Restaurants doch sehr an den Basar von Kairo. Die eigentliche Schönheit und der Charme der Altstadt versinken teilweise in Andenken-Jedöns und fettigen Burgern – schade eigentlich! Allerdings finden wir dann doch noch einige schöne Ecken und weniger frequentierte Gässchen – wer suchet, der findet :-)

Rund und …
… bunt hier
Festungsgraben als grüner Gürtel
Große Festung mit …
… netten Details

Die regelmäßig hier anlegenden Kreuzfahrtriesen sind natürlich wie überall ein Problem. Eines dieser schwimmenden Wohnblöcke parkt sozusagen „queer“ im Hafen.

Der „Scarlet Lady“, die tatsächlich Kreuzfahrten für die queere Community ausrichtet, wird übrigens genau deshalb Wochen später die Einfahrt nach Istanbul verweigert. Herr Erdogan, der nette Autokrat von nebenan, findet das nicht zu seiner Kultur passend!

"Scarlet Lady" – auffallend adipös und nicht überall erwünscht

Auf dem Rückweg zu Holly werfen wir noch einen Blick in den Shop für Yachtzubehör und vergucken uns in eine praktische, klappbare Gangway. Sie hat zwar keine mutmachenden Smileys, überzeugt aber durch eine nutzbare Breite, die ein Überqueren sicher und in jedem Zustand möglich macht. Wollen wir das? Brauchen wir das?

Wir bilden einen weiteren Stuhlkreis, wägen die Vor- und Nachteile ab und erwerben dann am nächsten Morgen tatsächlich die elegante "Bridge over Troubled Water" in stylischem Schwarz. Nun sind wir in Sachen römisch-katholischem Anlegen* bestens vorbereitet, und der Rest des Mittelmeers kann kommen!

Am gleichen Tag legen wir ab und motoren mangels Wind nach Symi, einer kleinen Insel, die quasi um die Ecke liegt. In Pedi, im Norden der Insel, in einer kleinen, geschützten Bucht gelegen, klappen wir nach dem Anlegen unsere neue Luxus-Gangway aus und genießen das neue, entspannte Feeling beim On und Off Board gehen.

Einfahrt Symi
Über diese Brücke kannst du gehn!

Der Ort Pedi ist die Antipode zu Rhodos: Winzig klein, unprätentiös und authentisch. Natürlich gibt’s auch hier ein Hotel, Restaurants (2!) und einige Ferienwohnungen. Doch das fällt nicht weiter ins Gewicht. In Pedi treffen wir Julia und Damian wieder, die wir in Kastellorizo kennengelernt haben und verbringen wieder einige richtig nette Stunden miteinander …

Die kleine Bucht von Pedi ist extrem geschützt
Pedi-Style: Ton in Ton
Können diese Augen lügen?
In Würde gealtert
Pedi Corporate Design I
Pedi Corporate Design II

Auf der anderen Seite der Insel liegt die malerische Hafenstadt Ano-Symi, der wir einen kurzen Besuch per Bus abstatten. Besonders spektakulär ist die Anfahrt, da die Uferstraße so schmal ist, dass der Busfahrer erst die Fußgänger verscheucht und dann mit angeklappten Spiegeln unmittelbar an der Hauswand entlang schrammt während wir auf der anderen Seite gefühlt über dem Wasser schweben. Aber alles geht gut und wir erreichen trockenen Fußes Ano-Symi.

Hier herrscht bedeutend mehr Trubel. An der Uferpromenade reihen sich die Restaurants aneinander und im Hafenbecken dümpeln große und kleine Yachten friedlich nebeneinander. Auch unzählige Charteryachten warten hier geduldig auf ihre nächste Crew und neue Abenteuer zwischen den griechischen Inseln.

Wir lassen uns durch die schmalen Gassen treiben, entdecken schöne kleine Läden und sogar einen super ausgestatteten Yachtshop, dessen Tagesumsatz wir aber diesmal nur minimal in die Höhe treiben. Ein stylischer Barbershop lockt den Skipper, doch leider ist spontan kein Termin zu bekommen – obwohl der Barber und ein Kumpel relaxed vor dem leeren Laden sitzen und ein Schwätzchen halten!

Ano-Symi
Lusstige Festmacher-Wesen
Stairway to Heaven
Eine ausgesprochen schöne Ecke von Europa

Nachdem wir uns den Norden der Insel nun etwas näher angeschaut haben, klappen wir die Gangway ein, lösen die Leinen und reisen in den Süden von Symi. Dort wartet eine weitere, sehr schöne Bucht mit einer Überraschung auf uns.

* Als römisch-katolische Anlegen bezeichnet man im Mittelmeer das Anlegen mit dem Heck zum Steg.

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