Fish Aggregating Devices und Holly in Seenot
Kupang - Lombok
Die ersten Stunden auf See sind recht windarm und ruhig – aber dank einer neuen Herausforderung nicht langweilig. „Fish Aggregating Devices“ (FAD) sind die neuen Objekte, die uns in Atem halten. Sie sind eine Art Plattform zum Fischfang, die vor den Küsten der indonesischen Inseln treiben. Es gibt Tausende von den Dingern, dekoriert mit Palmwedeln, sie sind in der Regel sehr schlecht zu sehen und nachts auch gerne meist unbeleuchtet. Vor Kupang schwimmen sie in allen Formen und Größen im Meer. Wir sind froh, dass wir den kritischen Küstenbereich noch im Hellen hinter uns bringen. Solch ein FAD zu rammen, ist absolut nicht empfehlenswert, da sie am Grund verankert sind, in Sachen Konstruktion recht raue Gesellen sind und somit viel am Boot kaputt machen können.
Aber wir haben Glück – keines dieser Hindernisse kommt uns zu nah, und am Abend haben wir die kritische Küstenregion hinter uns, können aufatmen und unbesorgt in die Nacht segeln. Diese verwöhnt uns mit einem unerwarteten special effect: Plötzlich wird es trotz Vollmond stockdunkel und der Mond läuft anscheinend vor Scham rot an. Was wir nicht wissen: Wir sind im Zentrum einer totalen Mondfinsternis!
Eine wirklich große Herausforderung erwartet uns auf Höhe der Insel Flores. Dort wollen wir zwischen Sumbawa und Komodo auf die Nordseite der Inseln, da dort wesentlich ruhigere Bedingungen herrschen. Unser ursprüngliches Ziel, die Insel Komodo mit ihrer fantastischen Fauna (Walhaie und Komodowarane), werden wir sehr schweren Herzens rechts liegen lassen, da unser kleiner Schiffsdiesel immer eloquenter wird. Er sondert seltsamste Lautäußerungen ab, die uns große Sorgen machen. Wer steckt wohl dahinter: Getriebe, Saildrive, Propeller …? Wir verstehen nicht, was der alte Schwede uns mitteilen will, welches Organ wohl betroffen ist, und haben große Angst, dass wir in irgendeiner Ankerbucht ohne Reparaturmöglichkeiten stecken bleiben.
Wir wollen daher ohne Zwischenstopp direkt von der Timor-See in die Flores-See, die sehr geschützte Bedingungen bietet. Alles kein Ding – wäre da nicht die extrem starke Strömung, die gezeitenabhängig mal nach Nord und dann wieder nach Süd fließt. Bis zu unglaublichen 6 kn Strömung stoppen oder beschleunigen dort die Klein- und auch Großschifffahrt nachhaltig. Am Morgen des 08. September 2025 erreichen wir diesen Strömungskanal und sind trotz gewolltem Schleichtempo etwas früh dran. Wir haben somit die Strömung noch volle Pulle gegen uns.
Unser Volvo gibt geräuschvoll alles, aber wir kommen tatsächlich nicht vom Fleck – im Gegenteil: Laut unserem GPS bewegen wir uns synchron mit einem großen Frachter, der ca. 1 sm von uns entfernt ist, sogar rückwärts. Die See um uns herum gleicht einem Whirlpool, und wir beten gemeinsam zu Rudolf Diesel, dass seine glorreiche Erfindung jetzt nicht schlapp macht. Dieser erhört unser Flehen und nach rund zwei Stunden ist es geschafft – die Strömung kippt und wir motoren mit sagenhaften 8 – 10 kn Speed durch die Meerenge Richtung Norden.
Kurz vor unsrem neuen Ziel, der Medana Bay Marina auf Lombok, erwischt es uns dann aber doch noch: Der Puls des Diesel sinkt auf Null!! Alle Versuche eine Reanimation (Filterwechsel, Entlüftung, Diesel direkt aus dem Kanister, …) scheitern und wir sind verzweifelt, da auch der Wind komplett einschläft. Nun treiben wir durch die Strömung, die auch hier recht kräftig ist, hilflos wie ein Korken auf die Küste von Lombok zu. Bedauerlicher Weise ist diese hier reich an Riffen. Unser Adrenalinpegel ist auf 110% und wir sind tatsächlich verzweifelt. Für uns immer rundum abgesicherte ADAC-Europäer ein völlig neues Lebensgefühl: Meilenweit keiner, der einem hilft!!
Mareike telefoniert mit Bremen Rescue, die uns den Kontakt nach Jakarta herstelln. Die Kollegen dort wollen SAR Lombok informieren, jedoch hören wir von niemandem irgendetwas. Wir treiben unterdessen glücklicherweise parallel zur Küste, langsam aber immerhin in die richtige Richtung. Nun versuchen wir über die Medana Bay Marina und Kontakte, die unsere Freunde weiterleiten, ein lokales Boot zu finden, was bereit wäre uns abzuschleppen. Leider laufen alle Versuche ins Leere. Wir treiben in 12 Stunden 20 Meilen. Nun meldet sich auch SAR Lombbok. Die freundliche Mitarbeiterin sagt, dass sie uns vom Schiff abbergen können, aber keine Kapazitäten zum Schleppen haben ... Puh! Unsere Moral ist auf dem absoluten Tiefpunkt und wenn wir könnten, würden wir uns sofort nach Hause beamen lassen. Holly auf einem Frachter nach Hause bringen zu lassen erscheint uns in diesem Moment über alle Maßen attraktiv!
Unterdessen haben wir uns unserem Ziel auf 13 Meilem genähert. Jedoch wird es nun dunkel, wir sind manövrierunfähig und können all den Fischern, die auf Funk nicht reagieren, nicht ausweichen. Der absolute Super-Gau wäre es, wenn wir in die Strömung zwischen Lombok und Bali geraten. Dann könnten wir nur noch die Segel hissen und nach Südafrika segeln ...
Nach weiterem Gefunke und vielen Telefonaten mit der Marina erlösen uns unsere Freunde Kerstin und Jürgen von der Lady Jane, die schon vor der Medana-Bay Marina vor Anker liegen. Bereits im Dunklen und in strömendem Regen legen sie ab und machen sich auf den Weg zu uns. Kurz darauf finden sich doch noch zwei private Boote, die bereit wären zu helfen – diesen Kontakt können wir später unseren Freunden aus Belgien von der Aspro vermitteln, die auch ohne Motor von Kupang nach Lombok unterwegs sind ... aber das ist eine andere Geschichte ....
Zwei Stunden später hängen wir am Abschlepphaken der roten Contest 48 und freuen uns unglaublich über die Hilfsbereitschaft der beiden tapferen Segler! Spät in der Nacht erreichen wir die Marina, machen an einer der Bojen fest und trinken tatsächlich noch zusammen mit Kerstin und Jürgen einen „Anlegerschluck“ im Cockpit von Holly Golightly!
Das größte Dankeschön der Welt an Kerstin und Jürgen!
Berührend finden wir die Tatsache, dass die Dame der Indonesischen Küstenwache, mit der Mareike Kontakt hatte, sich später noch bei uns meldet, um zu erfahren, wie es uns ergangen ist und sich tatsächlich bei uns dafür entschuldigt, dass man uns nicht helfen konnte.
Alles in allem hat et aber mal wieder jodjeangen!