Holly Golightly

#153
Kykladen/Kalamata

GottsApp und eine beinahe Karambolage

  • Reisegeschichten

„Symi die Dritte“ ist für uns die kleine und perfekt geschützte Bucht Panormitis im Süden der Insel. Geprägt wird der hübsche Ankerplatz von dem gleichnamigen Kloster auf der Ostseite. Das ist auch der Grund, warum täglich einige Fähren und Ausflugsboote anlanden und ihre bunte Touristen-Fracht abladen. Der Andrang ist nachvollziehbar – das Kloster ist in der Tat eine echte Augenweide.

Heilige Stätte mit Steganlage
Der barocke Turm topt alles

Seit dem 13. Jahrhundert immer mal wieder von Piraten und Sarazenen zerstört, wurde die gesamte Anlage im heutigen Stil zwischen 1780 und 1911 langsam aber geschmackvoll wieder aufgebaut. Der sehr barocke Glockenturm ist einer der höchsten und schönsten in ganz Griechenland. Die Hauptkirche im Inneren der Klosteranlage beherbergt die angeblich wundertätige Ikone des heiligen Erzengels Michael und wird gut angenommen vom Publikum.

Innere Werte: Mehr Ornament geht nicht
Täglich frisch: Die bunte Gästeschar
Viel Platz für Holly im maritimen Klostergarten
Franz & Fred in heiligen Gewässern
Der Eingang zur Bucht

Ganz up to date scheinen die Klosterbrüder in Sachen Digitalisierung zu sein. Einer von ihnen schwebt durchs gläubige Volk, hat aber nur Augen für sein Smartphone. Die Verbindung zum Herrn scheint also mittlerweile auch sehr digital – was der Herrgott wohl über GottsApp an seine Jünger sendet? Gibt es einen heiligen Chat, aktualisiert Gott auch ab und an seinen Status, wann kommt das Update auf Gott 2.0 und wie läuft's mit der Heiligen Intelligenz (HI)? Da würde man doch gerne mal auf den neuesten Stand gebracht …

Lieber Gott – Ich bin klein, mein Herz ist rein, wirst du heute online sein?

Wenig später ankert die Xarifa, ein auffallend schöner, klassischer und recht raumgreifender Dreimast-Schoner in der Bucht. Nach kurzer Recherche stellen wir fest, dass es sich tatsächlich um die ehemalige „Forschungs-Yacht“ der österreichischen Tauchlegende Hans Hass handelt, dessen spannende Biographie uns bereits in der Stadt Suakin im Sudan über den Seeweg gelaufen ist. 1951 hatte er den Rumpf der Yacht, die ursprünglich von dem Nähmaschinen-Produzenten Singer in Auftrag gegeben wurde aber völlig verkommen war, gekauft und wieder aufgebaut. Mit stolzen 43 Metern Länge war sie damals die größte europäische Segelyacht. Der erste Törn der Xarifa ging 1953 unter deutscher Flagge über die Kanaren, die Karibik und den Panamakanal nach Galapagos. Der zweite Törn 1957 durchs Rote Meer zu den Malediven bis nach Singapur – tatsächlich alles Ziele die unsere kleine Holly Golightly ebenfalls im Kielwasser hat!!

Eine Schönheit die fast Deutsche wurde: Die Xarifa

Hans Hass bemühte sich 1957 um Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um die Xarifa in eine institutionelle Einrichtung der deutschen Meeresforschung zu überführen, woraus aber leider nichts wurde. Der deutsche Staat zeigte sich leider zu knauserig. Nach wechselvoller Geschichte über die letzten Jahrzehnte gehört sie nun einem spanischen Großunternehmer, dem wir hier beim Baden zuschauen dürfen – schade eigentlich!

Gaaaanz entspanntes Segeln in der Ägäis

Nach dem kulturellen Input in Sachen Kloster- und Yachthistorie segeln wir mit gutem Wind weiter Richtung Westen. Unser Ziel ist die Insel Nikos Nisiros. Hier heißt es mal wieder "römisch katholisch" anlegen – also erst Anker raus im Hafenbecken und dann rückwärts an den Steg ohne viel kaputt zu machen.

Wir machen das ziemlich ordentlich und werden vom neuen Nachbarn auf seiner 20m Motoryacht sogar gelobt – na, wenn das kein guter Start auf der Insel ist!?

Netterweise legt der dicke Pott bald ab, so dass wir auch etwas Sonne abbekommen!

Umsonst und draußen: Schöner Liegeplatz in Nikos Nisiros

Der maritime Parkplatz ist hier wieder kostenfrei, diesmal sogar mit Strom. Beim Annehmen der Heckleinen helfen die örtlichen Autovermieter, die direkt am Pier ihren Standort haben, abwechselnd – was sie natürlich nicht ohne Hintergedanken machen.

Damit dieses selbstlose Engagement nicht zum Erliegen kommt, mieten wir bei ihnen brav einen flotten 125er Motorroller und brausen damit über die Insel. Mareike findet diese Art der Fortbewegung recht aufregend und Franz hat aus dem gleichen Grund jede Menge Spaß am Durch die Kurven flitzen.

Nett sind auch die kleinen Bars direkt am Pier. Hat man Hunger oder Durst, ist der Weg nicht lang.

Nightlife direkt am Heck
Auf den Roller gekommen

Im Herzen der schönen Insel gibt es tatsächlich einen aktiven Vulkan! Das müssen wir uns natürlich anschauen.

Nachdem Mareike in 100 Kurven laut vernehmlich mindestens 50 Tode gestorben ist, erreichen wir den dampfenden Schlot und steigen hinab in das Herz von Stefanos. Der dampft Gott sei Dank nur noch gemütlich auf kleiner Flamme vor sich hin. Olfaktorisch ist der Gute leider recht auffällig und wir halten es daher nicht lange mit ihm aus. So brausen wir nach einem kleinen Rundgang durch den 300 m großen Krater schnell davon und beschließen nun eine der schönen kleinen Ortschaften rund um den Krater zu besuchen.

Größe und Abgaswerte von Vorgestern
Stefanos hat Besuch

Die pittoresken Ortschaften Nikia und Emporeios liegen nur ca. 15 Minuten entfernt. Sie sind jede Reise wert und so malerisch, wie man sich die Dörfer auf den Dodekanes vorstellt. Viele kleine Gässchen und Plätze erzeugen eine Atmosphäre in der wir uns auch eine kleine eigene Wohlfühl-Immobilie gut vorstellen können.

Emporeios
Emporeios II
Colorblocking
Glockenschmitt
Günstige Immobilie mit …
… kleinem Investitionsstau
Rechtsherum
Linksherum
Aussicht links
Aussicht rechts ;-)
"Alle mal herschauen, was wir können …"
"… die spinnen doch!"

Nach der Rückkehr von unserer Scooter-Tour helfen wir noch einer großen Charteryacht beim Anlegen. Nach ca. fünf Versuchen, mit fünf Helfern und viel Vor und Zurück ist es schließlich geschafft und die recht junge Crew kann erleichtert ihren Anlegerschluck genießen – aller Anfang ist eben schwer.

Schwer beeindruckend ist auch die Wettervorhersage: Meltemi ist angesagt! So machen wir uns zügig auf den Weg nach Astypalaia, einer weiteren Insel im Dodekanes. Unser Grund genau hier vor Anker zu gehen, ist die extrem geschützte Lage auf der Südseite der Insel. Zusammen mit zwei anderen Yachten finden wir hier Schutz vor dem typischen Starkwind in der Ägäis, der gerne mal mit 30 bis 40 Knoten Wind laut durchs Rigg pfeift.

Was uns an Astypalaia seltsam vorkommt, ist die Tatsache, dass auf der Küstenstraße jede Menge VW-iBuzz unterwegs sind – völlig untypisch für eine griechische Insel. Auch die riesigen Solarpanele auf einem Bergrücken sind sehr ungewöhnlich. Des Rätsels Lösung finden wir bei Wikipedia. Die griechische Regierung hat sich zusammen mit VW ausgedacht, den Verkehr auf der Insel klimaneutral zu gestalten, was ja grundsätzlich ein super Idee ist!

2020 war geplant, die ca. 500 PKW und ca. 1000 Zweiräder in den kommenden zwei Jahren komplett durch Elektrofahrzeuge von VW zu ersetzen. Der gesamte Energiebedarf soll regenerativ erzeugt werden. Da die meisten Fahrzeuge augenscheinlich aber immer noch älteren Jahrgangs sind, scheint das Projekt etwas in Verzug zu sein. Gut Ding braucht Weile!

Modern Times

Es kommt wie von den Wettergöttern prophezeit. Wir erleben drei lange Tage Wind-Dauertinnitus, was sehr herausfordernd ist. Als ganz praktisch erweist sich aber die „Noise-Cancelling-Funktion“ unserer Kopfhörer, die auch zum „Heul- und Jaul-Cancelling“ taugt.

Durch die gute Abdeckung in der Bucht baut sich immerhin nur eine kleine Welle auf. Und wie immer macht unser Bügelanker einen super Job und hält Holly sicher an ihrem Platz.

Meltemi Tag und Nacht
34 kn = Pustefix vom Feinsten
Nach dem Sturm kommt die Flaute – wir können weiter

Nachdem diese Prüfung an uns vorüber gegangen ist, machen wir weiter mit „Go West“. Die Inseln Anafi und Sikinos sind leider nur kurze aber schöne Zwischenstopps.

An der Ostspitze von Anafi passieren wir Kalamos den zweitgrößten monolithischen Felsen Europas. Der Fels ist komplett aus Marmor. Hoch oben auf dem Marmorblock thront die Kirche Panagia Kalamiotissa.

Die Nummer eins unter den Monolithen in Europa ist übrigens der Fels von Gibraltar, der auch auf unserer Route liegt.

Klein und entspannt: Anafi
Anafis Osten ist aus 100% Marmor

Am 17. Juni segeln wir dann bei gutem Wind zügig 110 Seemeilen nach Elafonisos, das am Rande des Peloponnes liegt. Ohne Probleme runden wir das sagenumwobene Kap Malea, an dem Schiffsverkehr wirklich beeindruckend ist. Hier wurden Odysseus und seine Mannen auf dem Rückweg in seine Heimat Ithaka von einem Sturm überrascht und ins Land der Lotosesser verschlagen.

Uns verschlägt es hier jedoch kurz die Sprache: Vor dem Ziel haben wir einen Zwischenfall mit einem unter kanadischer Flagge fahrenden Katamaran. Der kanadische Skipper ist wohl der Meinung, dass auf See immer rechts vor links gilt – und das, obwohl er unter Motor fährt und wir segeln!** Wir versuchen ihn vorsorglich auf diesen Irrtum hinzuweisen, leider vergeblich. Holly Golightly weicht also unter Segeln aus, während Team Kanada unfreundlich gestikulierend seine navigatorische Unkenntnis kommuniziert und stur auf Kurs bleibt.

Freunde von uns, die selbst auf einem Katamaran unterwegs sind, sagen immer, dass man einen Kat nicht segelt, sondern fährt – eventuell liegt's ja da dran!

Der Süden von Elafinisos

Elafonisos, 19 km² groß und im Südosten der Peloponnes gelegen, gehört zu den Ionischen Inseln und war im 15. und 16. Jahrhundert eine beliebte Basis von Seeräubern. Gerne überfielen sie Schiffe in der Meerenge von Elafonisos zwischen der Insel und Kythira. Aktuell ist Elafonisos der Heimathafen einer der größten Fischfangflotten der Ägäis.

Uns bietet sie im Süden zwei tolle Ankerbuchten die sich direkt gegenüberliegen. Klares blaues Wasser lockt auf beiden Seiten und so ist es nicht so einfach sich zu entscheiden. Wir wählen die Westseite und werden in der Nacht dann leider ordentlich durchgeschaukelt. Leider läuft der Schwell recht üppig in die Bucht und verwandelt Holly immer wieder in eine Schiffsschaukel. Wir überlegen ob wir auf die andere Seite der Bucht wechseln, die aber wiederum recht voll ist. So bleiben wir wo wir sind und freuen uns, dass wir Julia und Damian hier wieder treffen. In einer der netten Strandbars treffen wir zufällig zusammen und tauschen bei einem kleinen Snack das neuste Seefahrerlatein aus.

Auch unter Wasser gute Sicht
Das Paradies hat noch zu
Auch hier sind die Nachbarn nicht unattraktiv
Sanck im offenen Paradies

Drei Tage später nehmen wir Kurs auf Kalamata, das für uns einen längeren Stopp bedeuten wird. Da Holly ein kleines Dichtigkeitsproblem hat – der Ruderkoker* scheint nach Abdichtung in Fiji wieder unter Inkontinenz zu leiden – unternimmt sie hier einen ungeplanten Landausflug um sich in Behandlung zu begeben. Der diensthabende Doktor Schmitt hat spontan einen Termin frei und beschließt, die Problemzone mit Epoxi zu behandeln. Im Rahmen der Therapie bessert er auch das Antifouling aus und ergänzt es prophylaktisch um eine subtile Warnung an die Orcas, die ja gerne mal ein Ruderblatt anbeißen und deren Jagdgebiet wir im September erreichen wollen.

Kalamata: Kaum da …
… schon in der Aufnahme
Mehrbettzimmer: Hoch, trocken und (zu) heiß
AntiOrcaFouling Spezial
Manch Zimmernachbar hat …
… leider eine sehr schlechte Prognose:-(

Der Aufenthalt an Land ist um diese Jahreszeit recht schweißtreibend und so sind wir froh, dass Holly nach drei Tagen Behandlung wieder im Wasser schwimmt und tatsächlich dicht ist! Sie ist eben Privatpatientin und genoss Chefarztbehandlung :-)

Kalamata selbst, erweist sich als attraktives Städtchen, das viel zu bieten hat. Wir schlendern durch die große Fußgängerzone und die Altstadt und fühlen uns hier wirklich wohl – wie bisher überall in Griechenland!

Kalamata High
Kalamata de Luxe
Kalamata NightLife
Kalamata StreetArt
Kalamata StreetArt II
Kalamata byzantinisch und mareikisch
Kalamata prächtig

Nach der Zeit in Kalamata folgt für uns mal wieder eine etwas längere Überfahrt: Der südlichste Zipfel Italiens wird unser Ziel sein. Mit idealem Kurs sind das 315 Seemeilen, die wir in zwei Nächten und drei Tagen schaffen sollten. So der Plan, warum es dann doch unerwartet anders kommt, erfahrt ihr in der nächsten Folge, denn: Die Pläne der Segler sind bei Ebbe in den Sand geschrieben. Nur so viel sei schon mal verraten: Es kommt zu einer unerwarteten Verwicklung!

Italien, wir kommen!

*Der Ruderkoker nimmt den Ruderschaft auf. Schaut aus dem Rumpf heraus und kann daher, wenn undicht, Ärger machen.

** Ein unter Segeln fahrendes Fahrzeug hat auf See (fast) immer Wegerecht gegenüber einem unter Motor fahrenden Fahrzeug – egal wie groß dieses ist. Bedeutet: Der 400 Meter Containerriese muss der segelnden Holly Golightly auf hoher See ausweichen. Und nicht nur das: Die Yacht unter Segeln ist sogar kurshaltepflichtig, damit das große Schiff seine Manöver sicher planen und ausführen kann.

Ausnahme: Fahrzeuge die fischen, manövrierbehindert sind (zB. Schlepper) oder in einem Verkehrstrennungsgebiet unterwegs sind, haben in der Regel Vorrang vor der segelnden Zunft. Kanadische Katamarane fallen in der Regel nicht darunter!

VORFAHRT im klassischen Sinn hat auf See übrigens kein Fahrzeug. Droht unmittelbar ein Zusammenstoß, sind beide Fahrzeuge verpflichtet den Kurs zu ändern (Manöver des letzten Augenblicks). Eine Regel über die man auch im deutschen Straßenverkehr mal nachdenken sollte!!

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