Holly Golightly

#138
Indischer Ozean

Von Langkawi nach Uligan – 1600 Meilen ins Paradies

  • Reisegeschichten

Tag 1 - 21. Januar

Heute soll es also losgehen, endlich! Die Route: Von Langkawi/Malaysia nach Uligan auf den Malediven. Wir stehen um acht Uhr auf – selbst Franz ist schon früher wach. Nach so einer langen Zeit ohne Segeln sind alle aufgeregt. Mittags sind alle Vorbereitungen erledigt. Zusammen mit Kerstin und Jürgen springen wir ein letztes Mal in den Pool des Resorts und trinken ein Abschiedsgetränk an der schönen Strandbar, die Füße im Sand. Anschließend schmeißen wir die Leinen los und schon sind wir wieder auf See. Ein ganz schöner Kaltstart – zweieinhalb Monate nicht gesegelt und dann gleich so weit! Doch es fühlt sich gut an. Wir essen Couscous-Salat und schaukeln nach Westen, die ersten Stunden noch unter Motor, aber am Abend wird die Genua ausgerollt, Volvo aus, segeln! Es ist Neumond, eine sehr schwarze Nacht.

Vier Seglernen – ein Ziel: Die Malediven

Tag 2 - 22. Januar

Die Nacht war unruhig. Es ist wie immer, wir brauchen ein paar Tage, um in einen Rhythmus zu kommen. So sind wir tagsüber müde, schauen, dass uns kein Frachter zu nahe kommt, lesen, schreiben, schlafen. Am Morgen haben wir am Horizont noch das Segel der Lady Jane gesehen. Aber dann waren sie doch viel schneller als wir und verschwinden aus unserem Blickfeld. Die Nacht beginnt still, der Wind lässt nach, wir schleichen dahin und genießen den Sternenhimmel. Ein Geräusch von Motoren irgendwann, ein Flugzeug stört kurz die Ruhe, dann sind wir wieder allein.

Tag 3 - 23. Januar

Die Lady Jane ist nun schon 20 Seemeilen vor uns. Auch wenn es klar war, dass sie uns davon segeln – immerhin ist die Lady 15 Fuß länger als Holly – ist es ein bisschen traurig. Zum Trost telefoniert Mareike mit Kerstin. Auch wenn wir nicht nah beieinander bleiben, ist es schön, mit einem anderen Boot gleichzeitig zum neuen Ziel unterwegs zu sein. Erneut sind wir froh darüber, Starlink an Bord zu haben. Über die App Noforeignland sehen wir so die meisten anderen Segelboote, die in der gleichen Richtung unterwegs sind. Einige werden in Sri Lanka halten, die anderen so wie wir auf den Malediven. Viele sind es nicht mehr, verglichen mit der Masse an Booten, die über den Atlantik segeln – selbst auf dem weiten Pazifik waren mehr unterwegs. Etliche Crews verkaufen ihre Schiffe in Australien oder Neuseeland, einige Amerikaner machen auch eine Pazifik-Runde. Wie auch immer. Hier sind wir nun. Vor uns etwa sieben Segelboote, hinter uns die gleiche Anzahl. Einige werden noch Ende Januar/Anfang Februar starten. Vernetzt sind wir quasi mit allen, die Richtung Rotes Meer unterwegs sind. Es gibt eine große internationale WhatsApp Gruppe, in der auch in Sachen Rotes Meer erfahrene Segler sind. Seit gestern haben wir zusätzlich eine ganz kleine deutschsprachige Gruppe mit derselben Route.

Viel los aber Platz für alle

Aber zurück zu heute: Der Channel zwischen Sumatra und den Nicobars Islands steht auf dem Programm. Dort fädelt sich der komplette Schiffsverkehr Richtung Südostasien, Rotes Meer oder Südafrika hindurch. On Top wird ordentlich Strömung versprochen, die uns von der Straße von Malakka in den Indischen Ozean schieben wird. Garniert wird das Ganze von einer Windsee aus Ost und Dünung von Süd. Wir sind gespannt! Glücklicherweise wird es deutlich entspannter als erwartet. Wir fahren immer wieder durch Whirlpools, man erkennt schon von weitem an den weißen Schaumkronen, dass es losgeht. Nach ein paar Minuten ist es vorbei, bevor das Geblubber wieder von vorne losgeht. Glücklicherweise haben wir aber guten Wind und werden dank ihm und der Strömung gut durchgeschoben. Kein Vergleich zu unserem „Aufreger-Pass“ in Indonesien.

Trotzdem bleibt die Küche heute kalt. Da der Channel deutlich breiter ist als die Straße von Singapur, verteilen sich „die großen Pötte” jetzt ganz gut. Die wenigen, die uns fast zu nahe kommen, weichen von alleine aus oder tun das, nachdem Mareike sie freundlich angefunkt hat.

Tag 4 - Der 24. Januar …

… beginnt am Morgen damit, dass Mareike mit Al Mayeda funkt. Der 345 x 52 m große Koloss hatte es anscheinend auf unsere Komfortzone abgesehen … Aber auch er ändert brav den Kurs und fährt nun einen etwas weiteren Bogen um uns herum. Um 7 schnippelt Mareike Gemüse für das Mittagessen. Nachdem es tagsüber doch sehr heiß ist, eignet sich der Morgen eher zum Kochen. Zwischendurch gibt es Kaffee. Ein ruhiger Tag kommt und geht, begleitet von vielen Frachtschiffen, die alle um uns herum fahren und der Seebestattung eines Tintenfisch.

Guter Abstand
Schlechter Zustand

Tag 5 - 25. Januar

Der Wind kann sich nicht entscheiden – wir auch nicht. Nachdem der Tag zauberhaft begonnen hat, dreht am Nachmittag plötzlich der Wind. Unsere ausgebaumte Genua schlackert ratlos im Wind. Also Motor an, Genua einrollen, Spi-Baum abbauen, Großsegel hoch und Genua wieder ausrollen. Holly fliegt dahin … für eine halbe Stunde … dann lässt der Wind nach und beide Segel schlagen nun wegen der Wellen, die von schräg hinten kommen hin und her. Bevor es dunkel wird beschließen wir, dass wir so nicht in die Nacht segeln können. Somit machen wir in der Dämmerung die Rolle rückwärts. Genua einrollen, Großsegel runter, Spi-Baum wieder raus, Genua ausrollen. Das geht ganz gut. Vielleicht eine Stunde? Der Wind nimmt wieder zu, kommt (natürlich) wieder mehr von der Seite, die Wellen lassen Holly ungemütlich hin und her rumpeln, das Segel schlägt. So kann man unmöglich schlafen. Wir segeln mit schlechter Stimmung in die Nacht. Dann gelingt es Franz, das Segel anders zu trimmen, indem er die Position vom Spibaum leicht verändert. Hapuh!

Geburtstagssonnenaufgang!

Tag 6 - 26. Januar

Mareike hat Geburtstag und erlebt bestimmt nur deshalb einen besonders schönen Sonnenaufgang mit Kaffee in ihrer frühen Wache. Wir haben als Geschenk bereits tags zuvor die Uhr das zweite Mal eine Stunde zurück gestellt und so dämmert es bereits, als sie aufsteht, juchu! Nachtwachen sind nicht so sehr Mareikes Ding. Es folgt ein ruhiger Morgen und Mittag. Zur Feier des Tages wird eine Tafel Rittersport geöffnet! Am Nachmittag beginnt der gleiche Spaß wie gestern: Der Wind nimmt zu, kleine Hackwellen aus Nordosten, garniert mit irgendwelchen Zickzack-Wellen. Die Crew wird still, die Nacht unruhig.

Tag 7 - 27. Januar

Unser Bergfest geht unter. Es bleibt ungemütlich und zum Abend hin kommen Squalls mit viel Wind und Regen. Dann kurz kein Wind und wieder ein Squall. Wer in einer Achterbahn schlafen kann, könnte es heute auch in Holly’s Bauch – wir können‘s nicht.

Wasserberge von hinten
Kleine Reparatur zwischendurch

Tag 8 - 28. Januar

Gegen zwei Uhr morgens – der Mond ist schon wieder untergegangen – entdeckt Mareike einen großen Tanker ohne AIS hinter uns. Wir haben gerade alle Hände voll damit zu tun, Holly in starken Böen halbwegs geschmeidig segeln zu lassen und der Pott kommt immer näher. Als wir das unbekannte Gefährt anfunken und nach seiner „Intention“ fragen, bekommen wir als Antwort, er würde Kurs halten – seinen Namen behält er aber für sich! Da sein Kurs in tiefschwarzer Nacht nicht ganz eindeutig zu erkennen ist, machen wir den Herrn darauf aufmerksam, dass sein Schiff kein AIS sendet. „Under maintenance.“ ist die Antwort und mit einem nun eindeutigen Kurswechsel dampft der anonyme Frachter davon. Kein Name, kein AIS – wie war das noch mit der „Russischen Schattenflotte“?

Ansonsten gibt es zu Tag Acht nicht viel zu sagen. Unterdessen haben wir seit 48 Stunden raue Bedingungen. Die Küche bleibt zum zweiten Mal auf dieser Passage kalt.

Tag 9 - 29.Januar

Der Tag beginnt wie der letzte geendet hat. Wir sind inzwischen sehr erschöpft. Wer hätte gedacht, dass diese Passage soooo anstrengend wird? Am Vormittag segeln wir in den Windschatten von Sri Lanka. Die See wird ruhiger und wir können uns für ein paar Stunden erholen … bevor wir in der kommenden Nacht in die „Winddüse“ westlich von Srilanka kommen.

Holepunktverstellung

Tag 10 - 30. January

Bereits am Vorabend geht es gegen 22 Uhr wieder in den Sportmodus. Die Wellen kommen mit 2 Meter von der Seite, Abstand: heitere 6 Sekunden, das ist nicht viel. Dazu ordentlich Wind. Wir haben das Groß im 2. Reff und von der Genua 2/3 eingerollt. Holly fliegt. Wir auch. In der Koje, durch den Salon, vom Klo ... Es folgt ein langer dritter Tag der Passage mit kalter Küche, einem böse gequetschten Zeigefinger und dem langen Warten auf 22 Uhr, weil der Wind dann, nach langen 24 Stunden, nachlassen soll – bevor die nächste „Düse” kommt. Wir sind erschöpft.

Alles in Schwung – nur der Skipper pennt

Tag 11 - 31. Januar

Tja, und was soll man sagen? Der Wetterbericht stimmt! Wir haben eine erholsame Nacht gehabt, bevor es wieder losgeht mit der Wind- und Wellen-Waschmaschine. Am Ende dieses Tages sagt der Wetterbericht aber leider auch, dass nun komplett Schluss ist mit Wind. Also stellen wir mitten in der Nacht den Volvo an. Noch 126 Meilen!

Sunrise!

Tag 12 - 1. Februar

Irgendwie war diese Passage deutlich anstrengender, als erwartet. Eigentlich waren wir ja gewarnt, von all denjenigen, die den Indischen Ozean als launisch beschrieben haben. Aber ob es am Ende für die Stimmung hilfreicher ist, positiv gestimmt oder leicht skeptisch auf so eine Reise zu gehen – wir wissen es nicht. Manchmal hat es uns schon geholfen, wenn wir uns ein bisschen auf wüstere Bedingungen eingestellt haben, oftmals wurden wir positiv überrascht. Am Ende dieses Tages sind wir einfach nur froh! Im Dunkeln navigiert Franz uns zum Ankerplatz vor Uligan. Wir haben es geschafft, was für ein Ritt! Kerstin und Jürgen sind 12 Stunden vor uns angekommen, so langsam waren wir also doch nicht. Nach einem verdienten Kaltgetränk zu viert plumpsen wir in die Koje und freuen uns auf eine Nacht ohne Wache.

Juchu, wir haben (fast) die Hälfte des Indischen Ozeans gerockt!

Müde aber im Ziel – das Team Schmehlau feiert den Sieg über die Elemente
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