Hollys Odyssee, der grummlige Ätna und ein Seenotfall!
Αντίο Πελοπόννησος (Antío Peloponnés) – das war Griechisch würde die Maus sagen und heißt „Tschüss Peloponnes“. Am Morgen des 27. Juni 2026 verlassen wir Kalamata und machen uns auf den Weg zu unserem nächsten größeren Etappenziel: Bella Italia! Der Kurs weist eigentlich ziemlich genau nach Westen. Da der Wind aber in der Regel zwischen dem Italienischen Stiefel und Kroatien Richtung Süden weht, müssen wir nach der Umrundung des westlichen „Fingers“ der Peloponnes erst mal etwas „Höhe machen“ – bedeutet, wir müssen nach Nordwest. Kurz nachdem wir den Finger gerundet haben, passieren wir eine wunderschöne Küstenlinie, die Anfang des Jahres als Kulisse für eine große Hollywood-Produktion herhalten musste – was wir jedoch erst viel später erfahren. Tatsächlich wurden viele Szenen der „Odyssee“ von Christopher Nolan hier in Messenien gedreht. Vom 10. bis 21. März wurde u.a. in der Festung Methoni, an der wir direkt vorbei segeln, gedreht.
Kurze Zeit nach der Passage der Filmsets fühlen wir uns leider auch ein wenig wie auf einer Odyssee. Wie Odysseus haben auch wir immer mal wieder die ein oder andere Prüfung auf unserer Reise zu bestehen. Statt dem Zyklopen Polyphem, der Zauberin Kirke oder den betörenden Sirenen begegnen wir der launischen Vorsegel-Göttin „Genuanesis“, die plötzlich das gewünschte Aufwickeln verweigert. Zeus sei Dank, ist diesmal aber das Vorstag noch heile! Augenscheinlich sind jetzt aber Vorstag und Spifall* eine unselige Verwicklung eingegangen und verhindern im Team, dass wir die Genua einrollen können. Wir sind maximal genervt und überlegen „was noch geht“ wenn nichts mehr geht in Sachen Aufrollen.
Solchermaßen gehandicapt bis Italien zu segeln erscheint uns kein guter Plan. Ein Zwischenstopp muss also her. Wenn wir weiter Richtung Norden motoren, erreichen wir die Insel Zakynthos am kommenden Morgen und können dort schauen, wie wir das Problem lösen.
Wir ziehen die Genua also aus dem Vorstag, sichern das Bündel an der Reling und reffen so auf die „harte Tour“. So geht's hinein in die Nacht, Kurs Zakynthos …
Nach nur 107 Seemeilen werfen wir den Anker in der großen südlichen Bucht von Zakynthos und machen uns an die Lösung des Problems. Ferndiagnose: Ganz offensichtlich hat sich das Spifall oben um die Rollanlage gewickelt. Franz versucht sich also in der Kunst des „Tauschwingens“. Nach einigem Schwingen, Wickeln, Ziehen und Zerren ist es geschafft – das Spifall ist wieder frei!! Wir sind erleichtert, dass es so schnell ging und machen uns daran, die Genua wieder durch die Schiene des Vorstags nach oben zu ziehen. Wenn wir das geschafft haben können wir schon weiter!! Doch leider tut sich hier die nächste Prüfung auf. Die Genua scheint nun unter Höhenangst zu leiden und will einfach nicht nach oben! Eindeutig eine kleine Tragödie ;-)
Es hilft wohl alles nichts – die arme Mareike muss den Skipper mal wieder auf die Höhen des Olymp winschen.
Dort angekommen stellt er fest, dass sich auch das Genuafall* oben verwickelt hat. Das jedoch ist schnell behoben und so gelingt es uns, nachdem der Skipper wieder das sichere Teakdeck unter den Füßen hat, recht einfach die Genua wieder in ihre gewohnte Position zu ziehen. Nach dieser bestandenen Prüfung beschließen wir hier erst mal eine weitere Nacht zu bleiben, um uns ein wenig auszuruhen.
Am kommenden Morgen starten wir „Bella Italia 2.0“ und hoffen sehr, dass dieses Update nun mal ohne Macken funktioniert. Es geht alles gut und nach 250 unspektakulären Seemeilen mit gutem Wind erreichen wir am 1. Juli die Stiefelspitze Italiens.
Wir ankern vor Bova Marina, das weder eine Marina hat noch eine geschützte Bucht. Wir sind jetzt übrigens in Kalabrien, der südlichsten Region Italiens. Die "Spitze vom Stiefel" ist leider auch eine der ärmsten Regionen des Landes.
Dank des ruhigen Wetters und des hier vorherrschenden Nordostwinds, ist der Platz aber recht gut zum Ankern geeignet. Anfangs sind wir etwas skeptisch, da wir hier ganz alleine liegen aber im Laufe des Nachmittags gesellen sich immer mehr Yachten dazu. Eine davon ist die 28 Fuß große Noetskal unter deutscher Flagge, die von Felix solo gesegelt wird.
Was diesen eher unscheinbaren Ankerplatz recht spektakulär macht, ist die Tatsache, dass man von hier aus den Ätna sehen kann, der momentan ziemlich intensiv vor sich hin qualmt!
Am Tag darauf setzen wir den Blinker auf der Steuerbordseite und biegen in die Straße von Messina ein. Hier haben wir uns in der kleinsten Marina, die wir je besucht haben, einen Platz gesichert. Die Marina di Porto Bolaro verfügt über ganze vier Liegeplätze und bietet einen tollen Blick auf die Straße von Messina und den Ätna – eigentlich! Leider liegt genau neben uns eine ziemlich große Motoryacht, die diesen Ausblick für uns komplett verdeckt. Zu allem Überfluss startet dieser Blickschutz am Abend auch noch einen Generator, um Klimaanlage, Gefrierschrank und Co. am Laufen zu halten. Mareike ist stocksauer und will die Verursacher zur Rede stellen. Doch diese verschanzen sich in ihrer brummenden XXL-Tupperbox und lassen sich nicht blicken. So ist dann auch die Ruhe dahin – wie wir diese Motoryachten lieben!
Das östliche Ufer der Meeresstraße ist übrigens der weltweite Hotspot des Anbaus von Bergamotten, einer kleinen sauren Orangenform. Diese dienen nicht dem Verzehr sondern der Herstellung von Bergamottöl, auch als „grünes Gold“ bekannt. Bergamottöl ist nicht nur Bestandteil des gleichnamigen Tees sondern auch die Hauptingredienz von???? Na, weiß doch jeder: Echt Kölnisch Wasser!!
Das 1714 in Köln von dem Italiener Johann Maria Farina erfundene Parfüm (damals: Eau Admirable) wurde damals der absolute Renner in allen vornehmen Nasen der Welt und ist heute noch immer ein Klassiker. Gute Kunden waren u.a. Kaiserin Sissi und Kaiser Franz!!!
Das in Köln immer noch existente und sehr bekannte Unternehmen mit dem komplexen Namen „Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz GmbH“, kurz auch als „Farina Gegenüber“ bekannt, ist tatsächlich die älteste Parfümfabrik der Welt!
"Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen erinnert, an Bergnarzissen, Orangenblüten kurz nach dem Regen. Er erfrischt mich, stärkt meine Sinne und Phantasie.“
Die Straße von Messina ist in Sachen Navigation nicht so ganz ohne. Einerseits gibt es eine starke Strömung, die gezeitenabhängig ist und andererseits fließt nicht nur sehr viel Wasser hindurch sondern auch viele Frachtschiffe, Kreuzfahrer sowie große und kleine Yachten. Doch die eigentliche Herausforderung sind die Fähren, die Sizilien mit Italien verbinden. Da es nicht eine einzige Brücke oder einen Tunnel gibt (schon lange geplant aber nie verwirklicht) ist der Querverkehr durch die verschiedensten Fähren enorm dicht. Und natürlich sind die Dinger auch noch krass schnell. Ihren Kurs zu erahnen ist so gut wie unmöglich. Da wir hier auch nur unter Motor voran kommen, heißt es also besonders vorsichtig zu sein. So arbeiten wir uns am Rande des Verkehrstrennungsgebiets** langsam vor, hinter uns überraschenderweise Felix mit seiner Noetscal.
Ufernah zu navigieren ist im Grunde ein guter Plan. Allerdings kommen die Fähren gefühlt aus allen „Löchern“ am Ufer, halten auf uns zu, um dann erst kurz vor einer Panikattacke der Holly-Crew den Kurs zu ändern. Besonders adrenalinfördernd wird die Situation an der engsten Stelle auf Höhe von „Villa S. Giovanni“. Dort ist es nicht nur am engsten; als Bonus hat es genau hier auch noch einen großen Fährhafen.
Aber nicht genug der Unbill, nein hier kommt’s richtig dicke: Die Strömung, die regelmäßig nach Süd setzt, gibt es hier, dank des Knicks in der Meeresstraße, in Ufernähe aktuell nur in der Variante „extra strong“. So müssen wir ausgerechnet hier auch noch in die Mitte des VTG** wechseln, um überhaupt noch vorwärts zu kommen.
Auf Höhe des Fährhafens haben wir immerhin großes Glück. Genau vor und hinter uns verlässt, bzw. erreicht eine Fähre den Hafen. Als wir aber exakt in der Mitte der rechten Fahrspur sind, nähert sich von hinten das größte Übel unter den Fähren: Eine Tragflächenschnellfähre kommt mit um die 30 Knoten direkt auf uns zugeflogen! Mareike funkt den fliegenden Sizilianer an, um zu erfahren ob er uns auf dem Schirm hat, aber er antwortet natürlich nicht (Fähren und Fischer antworten kleinen Yachten gefühlt nie!). So rast das Ding genau auf unser Heck zu und wir sehen uns schon zwei Köpfe und einen Mast kürzer in seinem Heckwasser treiben. Gefühlt 200 m hinter uns ändert er dann doch den Kurs und rast an unserer Steuerbordseite vorbei – hah, mal wieder überlebt!
Am nördlichen Ende der Straße von Messina beginnt das Tyrrhenische Meer und dort liegt ebenso das bezaubernde Örtchen Scilla. Eigentlich wollten wir dort nicht anhalten – aber wir beschließen spontan dort doch ein Päuschen einzulegen, setzen den Blinker rechts und biegen ab. Der Ort liegt sehr malerisch auf einem Felsmassiv, das spektakulär ins Meer ragt. Vor dem Ostufer gibt’s ein Mooringfeld zum Festmachen inkl. Taxiservice zum Ufer. Dort checken wir ein und beschließen mindestens zwei Nächte zu bleiben.
Scilla ist aufgrund der exponierten Lage quasie geviertelt. Auf der Westseite kleben die Häuschen an einer steilen Felswand, durchzogen von kleinen, engen Gassen. Die Ostseite ist auch recht steil, verfügt aber über einen breiten Sandstrand und eine breite Uferpromenade. Und dann gibt's jeweils noch ein Oben und ein Unten.
Wir erforschen das Städtchen per Pedes und wundern uns beim Blick auf die Lagune mal wieder, wie klein doch unser Bötchen zwischen den anderen, vor sich hin schaukelnden Yachten wirkt.
Dabei hat Holly doch schon so Großes geleistet!
Will man in Scilla von der West- auf die Ostseite des Ortes, so bedeutet dies, recht steile Gässchen zu erklimmen, um über den Grat der felsigen Halbinsel auf die andere Seite zu gelangen. Eine Alternativroute führt über eine kleine, teils überdachte Uferstraße, die aber wegen Bauarbeiten an einem kurzen Abschnitt aktuell gesperrt ist. Dass eine Sperrung aber, anders als in Deutschland, keine Sperrung ist, scheint offensichtlich. Jede Menge Fußgänger drängen sich auf abenteuerliche Art und Weise durch die Baustelle. Auf Nachfrage wird uns phantasievoll erklärt, dass vor und hinter der Baustelle ja alles frei sei und es somit – zumindest in Süditalien – selbstverständlich ok sei, die Absperrungen zu umgehen!
Dolce Vita – es lebe die süditalienische Leichtigkeit!
In Sachen Boote entdecken wir vor Scilla zwei absolute Kuriositäten. Die eine ist kaum zu entdecken, da sie streng genommen unsichtbar ist. Das kleine Ausflugsboot besteht tatsächlich komplett aus Acrylglas – ein „Glasbodenboot rundherum“, sozusagen. Es schaut extrem unwirklich aus, wenn es vorbeifährt oder am Steg liegt. So etwas haben wir noch nie vorher gesehen!
Kuriosität Nummer zwei ist ebenso manieristisch, nur auf eine ganz andere Art. Ist das eine Boot kaum zu sehen, so macht das andere durch dermaßen lange Extremitäten auf sich aufmerksam, dass man erstaunt rätselt, warum ein Schiff einen derart langen Mast und Ausleger am Bug hat. Des Rätsels Lösung: Es handelt sich um ein spezielles Fischerboot für den Schwertfischfang. Oben auf dem hohen Mast hält ein Fischer Ausguck, während der Kollege vorne dem armen Schwertfisch das Lebenslicht auspustet – wie genau, das erfahren wir leider nicht.
Zwei Tage später zeigen wir Kalabrien endgültig das schlanke Heck und segeln an der Nordküste von Sizilien Richtung Palermo, unserem nächsten großen Ziel. Hier erwartet uns ein besonderer Gast: Jonas, Franz Sohn, wird für einig Zeit zu Gast an Bord von Holly Golightly sein! Wir haben noch drei kleine Ankerstopps entlang der sizilianischen Nordküste. In einer der Buchten besucht uns Felix, der junge Skipper der Noetscal und wir freuen uns, mal wieder Seglerlatein austauschen zu können.
Extrem beeindruckend ist auf den ersten Seemeilen noch der Blick auf den Ätna, der momentan so aktiv ist, dass der nahe und für Sizilien wichtige Airport Catania komplett gesperrt werden musste. Als Folge hängen momentan tausende von Touristen auf Sizilien fest, die weder ein Hotel noch einen Heimflug haben. Nun könnte man sagen, die sitzen alle im selben Boot, was aber netterweise unser Privileg ist :-)
Während Signor Ätna für uns gut sichtbar, mächtig Dampf ablässt, nähern wir uns langsam aber sicher Palermo.
Auf halber Strecke werden wir dann tatsächlich noch zu Seenotrettern!! Auf Steuerbord sieht der Skipper plötzlich einen Körper dahintreiben. Schnell wenden wir Holly, Mareike rennt nach vorne und kann mit dem Bootshaken eine sichtlich hilflose Person retten. Diese entpuppt sich nach der aufwändigen Rettungsaktion als besonders aufgeblasene Gesellin – vermutlich weil sie so prominent ist! Es handelt sich nämlich um Peppa Wutz, die vor allem den viel Jüngeren sehr bekannt sein dürfte. Da werden Mama Wutz und Papa Wutz aber froh sein :-)
* Mit dem Genuafall zieht man die Genua (Vorsegel) hoch. Bei einer Rollanlage, wie wir sie haben, zieht man die Genua nur selten hoch, da sie zum Reffen eingerollt wird.
**VTG = Verkehrstrennungsgebiet – eine Art Autobahn für Schiffe, mit getrennten Fahrspuren für die versch. Richtungen. Leider ohne Raststätten!