Walk Like an Egyptian II. – Good Cop Bad Cop
Nach unserem Landtörn zu den Sehenswürdigkeiten von Kairo akklimatisieren wir uns ein wenig in unserer neuen, künstlichen „Ankerbucht“ auf Zeit. Alles fühlt sich ein wenig wie ein pontemkinsches Dorf an. Es ist zwar nicht so, dass es hinter der schicken, postmodernen Fassade der Marina bröckelt, aber einiges entpuppt sich dann doch als Vortäuschung falscher Tatsachen.
Beispielsweise gibt es einen kleinen Shop für Lebensmittel mit Café, der aber immer geschlossen ist. Es gibt eine 360Grad Lounge, die immer geschlossen ist, und es gibt einen Yachtzubehör-Shop, der – Jawoll! – auch immer geschlossen ist. Viele der vorhandenen Büros stehen ebenfalls dauerhaft leer. Vor dem Hauptgebäude gibt es eine schicke Openair-Lounge-Area mit über 100 stylischen Sofas und Stühlen, die allerdings fast immer abgedeckt sind. Lediglich am Wochenende und wenn wichtiger Besuch kommt, wird alles enthüllt – nur sitzen tut dort dann auch meist niemand.
Das alles wird tagein, tagaus geputzt und gewienert, als ob es einen Reinlichkeitspreis zu gewinnen gäbe. Das Gute: Die Duschen und Toiletten sind vom Feinsten und immer wie neu! Auch sitzen 24/7 vier Wachleute an den Ecken der Marina, die aufpassen, dass – ja, worauf eigentlich????? Das weiß wohl nur der Sonnengott genau.
Ebenfalls besonders personalintensiv ist der Eingang der Marina. Permanent halten hier um die sechs Personen – alle in schicken Uniformen – die Stellung und erwachen zuverlässig zum Leben, wenn man sich nähert. Der Check-out aus der Marina gestaltet sich in etwa so aufwändig wie ein Flug nach Israel mit El Al.
In Phase eins werden die Reisepässe kontrolliert, dann gefragt, zu welchem Schiff man gehört. Holly Golightly versteht in der Regel keiner. Dann wird eine Liste geholt, auf der wir unser Schiff finden und darauf deuten. Als Nächstes wird gefragt, wohin es gehen soll. „Cairo?????“ wird mit leichter Panik in der Stimme nachgefragt. „Nix Cairo – only Ismailia for shopping“, ist die Antwort, die 100 Punkte gibt und die Lage sichtbar entspannt. Das wird wiederum notiert und man darf zu Phase zwei des Prozedere vorrücken.
Phase zwei startet mit dem Gang zu einem kleinen Empfangsgebäude, in dem sich ein Gepäckscanner, wie auf dem Flughafen, befindet. Hier wird nochmals gefragt, wohin, und der Reisepass kontrolliert. Ab und an wird auch nochmal ganz wichtig auf einer Liste nachgeschaut.
In Phase drei wird dann alles, was man an Taschen dabei hat, durchleuchtet. Gleichzeitig muss man noch durch einen Körperscanner gehen – also Gürtel ab und alles aus den Hosentaschen.
Ist auch das erledigt, wird man in die Freiheit entlassen. Kommt man wieder zurück, startet der ganze Vorgang von vorne. Warum das Ganze? Nun, die Marina ist Teil des Kanals und damit Transit-Gebiet. Jedes Mal, wenn wir die Marina verlassen, reisen wir also mit unserem Drei-Monats-Visum nach Ägypten ein. Betreten wir die Marina, reisen wir wieder aus Ägypten aus. Und das ist auch gut so – würde nämlich Holly Golightly offiziell als Schiff mit Besatzung nach Ägypten einreisen, müssten wir ca. 3000USD an Gebühren bezahlen!
Gegenüber der Marina gibt es einen kleinen Stadtstrand, der besonders am Wochenende gut besucht ist. Direkt vor dem Beach ist eine große gelbe Schifffahrtstonne verankert, die den Weg zur nahgelegenen Werft markiert. Diese Tonne ist vermutlich das beliebteste Seezeichen der Welt. Jedes Wochenende wird sie von den hiesigen Jugendlichen stundenlang in Besitz genommen und so lange hin und her geschauckelt, bis sie endlich ganz auf der Seite liegt. Die Kids haben einen Mords Gaudi und können sich so richtig austoben!
Der Personalaufwand der Marina ist gewaltig und wohl nur in einem Betrieb möglich, der keinen Gewinn erwirtschaften muss. Für den Staat Ägypten scheint der Yachthafen, der Teil der staatlichen Suezkanal-Behörde ist, wohl hauptsächlich ein Imageprojekt zu sein.
Alles in allem ist die Marina für uns wie eine Luxus-Enklave inmitten von Ägypten – superneu, gepflegt und für uns Europäer recht günstig – aber leider auch komplett ohne Leben, da „normale“ Ägypter hier keinen Zugang haben …
Ganz anders die Großstadt Ismailia mit ihren 380.000 Einwohnern, die 1863 von Ferdinand de Lesseps, dem berühmten Planer des Suezkanals, gegründet wurde. Touristen sind auch hier, wie schon im Sudan, eine weitgehend unbekannte Lebensform. Wo man auch hinkommt, fällt man auf wie ein bunter Hund. Die Menschen sind jedoch auch hier außerordentlich freundlich und hilfsbereit. Alle paar Minuten wird uns gut gelaunt „Welcome to Egypt!“ zugerufen. Viele suchen auch das Gespräch oder möchten mal wieder gerne ein Selfie mit den exotischen Aliens machen. Die ganze Stadt wirkt außerordentlich lebendig und geschäftig – wie man sich so eine arabische, orientalische Stadt halt vorstellt.
Interessant ist die Gliederung Ismailias. Es gibt für die verschiedenen Bedürfnisse des Alltags unterschiedliche Straßenzüge oder Veedel. Mal reiht sich ein Handy-Laden an den anderen, dann KFZ-Werkstatt an KFZ-Werkstatt, daneben reihen sich Polsterer aneinander oder auch Metzger, Handwerker, Textilien- und Sportartikel-Shops.
Auffällig sind die extrem niedrigen Preise für Adidas, Nike & Co.
Die uns bisher nicht geläufige Marke „Adidos“ finden wir außerordentlich amüsant! Und da das Markenherz nicht widerstehen kann, erwerben wir garantiert originale „Nikes“ für sagenhafte 30€ – bestimmt so ne Art Sommerschlussverkauf momentan :-)
Ein Restaurant, bzw. Grill, der uns empfohlen wurde, macht das Leben für uns hier angenehmer. Der angebotene Grillteller für zwei ist außerordentlich lecker und so reichhaltig, dass wir nur die Hälfte schaffen. Umgerechnet 3€ pro Portion belasten die Bordkasse nicht spürbar. Und natürlich will der Betreiber des Grills ein Selfie mit uns ...
Ein Erlebnis in Ismailia törnt uns allerdings maximal ab, gibt aber auch einen tiefen Einblick in die Struktur dieses totalitären Militärregimes:
Es passiert auf dem Rückweg vom Obst- und Gemüsemarkt, dass wir von einer bis an die Zähne bewaffneten Polizei-Escorte bei unserem Walk like a Tourist kontrolliert werden. Ein uniformierter „Good Cop“ fragt uns recht freundlich nach unseren Reisepässen, während ein „Bad-Cop“ streng aus der zivilen Wäsche schaut.
Die Frage nach unserem Hotel können wir nur mit „Marina“ und „eigenem Boot“ beantworten, was aber für beginnende Verwirrung sorgt. In Ismailia scheint der freilaufende Tourist eine unbekannte Haltungsform zu sein. Vermutlich wird die Käfighaltung im Ressort oder Hotel lieber gesehen.
Der „Bad Cop“ verschwindet nun mit unseren Reisepässen in einem der Fahrzeuge – es wird nebenher viel telefoniert und diskutiert. Als wir auf die Frage wie lange wir denn in Ismailia bleiben wollen, mit „wissen wir nicht, hängt auch vom Wetter ab“ antworten, schauen wir in verwirrte Gesichter.
Währenddessen bringen uns freundliche Passanten ein paar Stühle vorbei, damit wir es etwas bequemer haben – wie freundlich! Während der „Good Cop“ und beruhigt und verkündet dass alles in Ordnung sei, telefoniert sein „Bad Cop“ Kollege aufgeregt mit verschiedensten Leuten. Das ganze Prozedere dauert gut eine viertel Stunde – zwischendurch holen wir uns noch ein paar Kaltgetränke vom ägyptischen Büdchen direkt hinter uns. Irgendwann scheint dann alles mit dem obersten Pharao geklärt zu sein. Wir bekommen unsere Pässe zurück und sie verabschieden sich freundlich und fahren davon.
Noch leicht im Stressmodus machen wir uns auf den Rückweg zur Marina. Allerdings kommen unsere Cops nach nur wenigen Minuten zurück und halten erneut neben uns an – unser Adrenalinpegel steigt wieder leicht an.
Nun haben sie wohl von oberster Stelle Anweisung erhalten, uns in ein Taxi zu verfrachten, das uns dann zur Marina bringen soll. Unser Angebot selbst eines zu organisieren reicht aber nicht – sie übernehmen das für uns. Wir fragen nach dem Warum und bekommen die Antwort, dass es für uns zu gefährlich sei, hier alleine herum zu laufen, was uns sehr seltsam vorkommt. So sitzen wir dann wenig später im Taxi und werden direkt zur Marina verfrachtet – zahlen müssen wir die Taxe allerdings selbst.
Zurück auf Holly Golightly brauchen wir erst mal eine Weile, um wieder in den Relax-Modus zu kommen.
Was wir hier nun gar nicht abwarten können, ist das Eintreffen unseres neuen Vorstags. Bestellt und schon angefertigt, ist dieses per DHL auf dem Weg zu uns. Herr Möller von Möller-Riggservice, den wir hier nun einfach mal empfehlen(!), hat ja in Windeseile ein neues Vorstag für uns gefertigt und per DHL-Express-Versand an die Adresse unseres Agenten in Ismailia versendet. Es ist nun angeblich schon im DHL-Verteilzentrum in Kairo und könnte nun langsam mal an Land kommen.
Leider verlassen uns nun Kerstin und Jürgen. Sie zieht es mit ihrer Lady Jane weiter Richtung Norden ins noch kühle Mittelmeer. Das macht uns natürlich ziemlich traurig, da wir sooo lange zusammen unterwegs waren. Und im Mittelmeer werden wir sie wohl auch nicht mehr einholen :-(
Impressionen, Sensationen, Illusionen, …