Holly Golightly

#149
Ismailia/Ägypten/Suezkanal

Walk like an Egyptian III. – Das neue Vorstag, das nicht kommt

  • Reisegeschichten

Auch wenn die Menschen in Ismailia alle sehr nett und freundlich sind, zieht es uns doch wieder hinaus auf die See. Was uns dazu fehlt ist lediglich unser extra konfektioniertes Vorstag*. Dieses hängt nun schon seit einigen Tagen in Kairo bei DHL, bzw. dem ägyptischen Zoll fest. Wir hoffen jeden Tag, dass es endlich den Zoll passiert und an unseren Agenten ausgeliefert wird. Aber es passiert leider – nichts!

Auf Anfrage bei DHL-Kairo wird uns mitgeteilt, dass die Lieferadresse, die uns unser Agent gegeben hat den nicht zulässigen Zusatz „Ship in Transit“ enthält. Das würde so nicht gehen, da es ja nicht das Schiff des Agenten sei. Ändern könne die Adresse aber wiederum nur DHL-Deutschland. Bei DHL-Deutschland verspricht uns eine nette Dame die Adresse bei DHL-Kairo entsprechend ändern zu lassen.

Wir warten geduldig ein zwei Tage ab und wieder passiert – nichts! Nach Nachfrage unseres Agenten in Kairo heißt es nun, sie benötigen ein Schreiben auf dem wir versichern, dass wir bereit sind den anfallenden Zoll zu zahlen.

Auch das erstellen wir und senden es an DHL-Kairo. Und wieder passiert: Nichts!

Kinder, wie …
... die Zeit vergeht

Nächster Versuch: Ein Anruf von Mareike bei DHL-Kairo, die mit ihrem sehr guten Englisch, die Frau für solche Fälle ist. Das jedoch endet im Desaster. Warum? Nun ja, vermutlich genau deshalb: Sie ist eine Frau! Der Jeck am anderen Ende der Leitung ist extrem unfreundlich, kaum zu verstehen und scheint ein großes Problem damit zu haben, dass ihm eine Frau Fragen stellt, die er nicht beantworten kann.

Unser Agent ist mittlerweile komplett ratlos und sieht keine Möglichkeit an das Vorstag zu kommen. Mit uns nach Kairo zu fahren, um dort dem Richtigen eine unauffällige "Spende" zukommen zu lassen ist auch nicht sein Ding. Eigentlich lobenswert aber für uns auch keine Lösung.

We are at a loss like an Egyptian :-(

Nachdem uns klar ist, dass die Ankunft des Vorstags so wahrscheinlich ist wie die baldige Fertigstellung von Stuttgart 21, beschließen wir kurzerhand eine radikale Lösung: Da es in Kairo oder Ismailia unmöglich ist ein entsprechendes Vorstag mit den passenden Terminals zu bekommen und wir hier nicht wochenlang rumsitzen und warten können (jeder Tag kostet Liegegebühr!), werden wir den Transport selbst übernehmen. Bedeutet: Wir buchen kurzfristig zwei Flüge in die Heimat!

Bye, bye Holly – wir kommen wieder, versprochen!

So finden wir uns nur eine Woche später plötzlich in Braunschweig wieder. Noch in Ägypten haben wir ein zweites Vorstag in Auftrag gegeben, das wir dann auch nach ein paar Tagen in den Händen halten. Wir erledigen noch das ein oder andere, treffen unsere Kinder, Freunde und Verwandte und machen uns dann wieder mit dem wertvollen Ersatzteil auf die Reise zu unserem schwimmenden Zuhause.

In Sachen Zoll wird es dann wieder spannend. Erst wird uns mitgeteilt, dass wir das Vorstag, das überraschend gut ins Aufgabegepäck passt, natürlich unbedingt am Flughafen in Kairo verzollen müssen. Dort winkt der Zoll allerdings ab, und wir verlassen erleichtert den Airport Kairo mit der wertvollen Fracht. Da wir für einen Transfer nach Ismailia zu spät sind, genießen wir noch eine Nacht in einem kleinen Hotel mit Blick auf die Pyramiden.

Pyramiden die Zweite

Nach der Rückkehr in die Marina kann's nun endlich losgehen! Und Gott sei Dank sind noch ein paar alte und neue Bekannte in der Marina, die uns alle sehr freundlich ihre Hilfe anbieten.

Step 1: Mareike zieht kraftvoll den Facility-Manager Franz zum x-ten Mal ins Rigg. Dort löst er das alte Vorstag und die improvisierten Sicherungen, die Neptun sei Dank so gut durchgehalten haben.

Auf die Spitze getrieben

Step 2: Viele freundliche Hände helfen geschickt beim langsamen Abseilen der rund 12m langen Rollanlage und platzieren diese auf dem Steg. Da Reparaturen in der Marina eigentlich verboten sind, haben wir vorher gefragt und netterweise die Info bekommen, dass das alles kein Problem sei.

Die erfolgreiche, brasilianisch-östereichische Bodencrew – Das Vorstag ist unten
Was hielt: Die Komposition aus 4 Kabelklemmen, einem Terminal und einem alten Want (+ Dyneema-Schäkel und Spanngurt an der Mastspitze)

Step 3: Es gilt die komplette Rollanlage, die grob gesehen aus dem Vorstag/Stahlseil mit den Halterungen, dem 12m langen Alurohr um welches das Segel gewickelt wird und der Trommel am Fuß der Anlage, die das "Aufwickel-Tau" aufnimmt, zu zerlegen.

Was blieb – vier Litzen von 19

Das klappt ganz gut. Es stellt sich allerdings heraus, dass das Lager in der Trommel völlig zerstört ist. In weiser Vorraussicht hat der Facility-Manager das passende Lager in D.-land besorgt und mitgebracht.

Lagerschaden – aber total!

Step 4: Lagertausch. Dazu braucht es eine Werkstatt, die Kugellager ein- und auspressen kann. So etwas findet man in Ländern, in denen noch fast alles repariert wird, recht häufig. Durch den Tipp einer anderen Crew kennen wir eine Adresse und Franz macht sich auf den Weg. Der Tipp ist super und während Franz mit dem Chef vor den Toren von "Sameers Machinery Workshop! plaudert und Tee trinkt, wird drinnen just in Time das Lager getauscht. Als alles erledigt ist, wird er sogar vom Sohn des Besitzers zur Marina gefahren! Komplettpreis der Reparatur: 7,50 € inkl. Rückfahrservice, Tee und Schwätzchen mit dem Boss!!!

Sameers Machinery Workshop: Die können das!
Neues Lager inside!
Skipper Franz & Chef Sameer

Step 5: Nun müssen wir das neue Vorstag auf Länge bringen und es durch das ca. 12m lange Alurohr der Rollanlage fädeln. Bei der genauen Länge bekommen wir leider von der Nordborg-Werft zwei verschiedene mögliche Maße angegeben, die mit dem Maß des beschädigten Vorstags nicht überein stimmen. War „das Alte“ zu kurz oder zu lang? Was nun? Wir beschließen, selbst nachzumessen – also den exakten Abstand zwischen dem Terminalauge im Mast und der Befestigung am Bug. Bedeutet: Noch mal hoch ins Rigg und nachmessen. Die Messung vor Ort ergibt nun wieder einen neuen Wert, an dem wir uns schlussendlich orientieren. Mittels eines Tipps von Herrn Möller (Danke!) verbinden wir das Ende des alten Vorstags mit dem Anfang des Neuen und ziehen so die 13m Vorstag/Stahlseil problemlos durch das 12m lange Alurohr der Rollanlage. Geschafft!!!

Das Dünne muss durchs Dicke
Vierfach gesichert: Holly ohne Vorstag
Auf die richtige Länge kommt's an

Step 6: Nach ein wenig Meditation kappt Franz das Vorstag auf die hoffentlich perfekte Länge und stellt dann fest, dass das neue, mitgelieferte Klemmterminal nicht in die Halterung am Bug passt, weil zu breit. Auch nun ist Neptun auf unserer Seite, wir können das Terminal des alten Vorstags "reaktivieren" und so auch dieses Hindernis umschiffen.

Das wird …
… das dicke Ende

Step 7: Nach dem der Facility-Manager nun alles durch- und ineinander gesteckt hat was geht und was Sinn macht, kommt der große Augenblick: Hoch das Ding! Mit dem bewährten Nachbarschaftshilfe-Team wird das "lange Ding" wieder nach oben gezogen und von Franz dort entgegengenommen und befestigt – das schaut schon mal ganz gut aus!!

Leider schafft es das Boden-Team nun nicht, das untere Ende so weit zu ziehen, dass es in die entsprechende Halterung passt! Sollte alles zu kurz sein????? Nach völliger Entspannung des Achterstags und beherztem Gezerre am Vorstag kommt dann aber doch zusammen, was zusammen gehört, und wir atmen auf – unglaublich, aber wahr: Das neue Vorstag ist dort wo es hingehört und wir sind wieder im Rennen!!!

We are happy like an Egyptian!

Alles wieder …
… wie es sein soll

PS: Das erste Vorstag ist Wochen später wieder in Deutschland beim Absender eingetroffen. Zusätzlich durften wir dann noch hunderte von Euro "Lagergebühr" beim Zoll zahlen. Incl. Rückflug, hat uns dieser "Expressversand" einen vierstelligen Betrag gekostet. Auf mehrere Beschwerdemails antwortet DHL zuverlässig nicht!

*Vorstag = Es hält den Mast und verhindert, dass dieser nach hinten (achtern) umkippt. Es gehört zum sogenannten „stehenden Gut“ (den festen Halte- und Stützdrähten eines Schiffes). Am Vorstag wird auch das Vorsegel – in unserem Fall die große Genua – befestigt und gefahren. Bei Holly Golightly ist, wie bei fast allen größeren Segelbooten, um das Vorstag eine Anlage installiert, mit der man das Vorsegel ein- und ausrollen kann.

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