Holly Golightly

#143
Dschibuti

Boxenstopp in Dschibuti

  • Reisegeschichten

Haupuh, wir haben wieder eine Etappe geschafft! Und nicht nur irgendeine, wir haben den Indischen Ozean gerockt und damit den dritten Ozean unserer Reise, ja der Welt überquert. Völlig verrückt fühlt sich das an und wir sind stolz auf unsere Holly und ein bisschen auch auf uns.

Die große Feier-Laune kommt aber nicht so richtig auf. Nachdem wir abends vom Einklarieren zurück sind, kippen wir k.o. in die Koje und schlafen, unterbrochen von kurzen Schreckmomenten, in denen wir uns wundern, warum der andere zeitgleich schläft und nicht Wache schiebt – Übergangsschwierigkeiten auf Langfahrt :-)

Ankerbucht und Skyline

Im Hafen von Dschibuti wird uns der nahe Krieg noch mal sehr bewusst. Neben Ländern wie den USA, Frankreich, Japan und China, die an diesem strategisch günstig liegenden Ort sowieso schon Militärstützpunkte haben, kommen und gehen täglich gigantische Kriegsschiffe aus aus Italien, Griechenland und der Türkei. So eine Präsenz haben wir bisher noch nie erlebt. Wir sind zwigespalten: auf der einen Seite suggerieren die Kriegsschiffe Schutz, auf der anderen Seite sind sie ein deutlicher Hinweis auf die angespannte Lage in der Region.

Beschützer in der Nähe

Am nächsten Morgen holt Ahssan uns mit seinem Boot ab. Unser Unterwant ist dank DHL Express tatsächlich schon in Dschibuti angekommen und muss nun aus dem Zoll ausgelöst werden. So kommen wir als Erstes in den Genuss, im kleinen Fischerei-Hafen das hiesige Dinghy-Dock zu erleben. Um das Ende vom rauen Beton-Dock drängeln sich mittelgroße Fischerbötchen, Dinghies und allerlei kleine robuste Motorboote. Wir gucken uns an und haben leider gleichzeitig das Gefühl, dass dies kein geeigneter Ort für Fred ist … aber der ist ja glücklicherweise zu Hause geblieben und so steigen wir erstmal gemeinsam mit Ahssan ins wartende Taxi. 

Die Innenstadt von Dschibuti: Historie trifft …
… auf Moderne

Zunächst geht es quer durch die Stadt zu einer DHL-Filiale, wo Ahssan ein Papier ausgehändigt bekommt. Damit ausgerüstet geht es per Taxi weiter Richtung Zoll und Paket-Ausgabe. Wir finden uns in einer roughen Lagerhalle wieder. Am Eingang steht ein winziger Schreibtisch mit Schreibmaschine. Ein Beamter nimmt Ahssans Papier entgegen und tippt im Gegenzug ein anderes. Damit geht es ein Büro weiter, wir bleiben draußen. Nach gefühlt langem Warten ziehen wir über den Hof in ein anderes Gebäude. Dort gibt es eine Reihe von Schaltern vor denen sich etwa ein Dutzend Menschen staut und mit den Mitarbeitenden mehr oder weniger lautstark diskutiert, alles auf Arabisch. Wir sind selig über Ahssans Hilfe! Da wir weder arabisch können, noch die Amtssprache Französisch, wären wir in diesem Bürokratie-Wirrwarr hoffnungslos verloren. Es geht in ein Nachbarbüro, wo ein sehr wichtig aussehender Mann am Schreibtisch eine Summe X von Ahssan entgegennimmt, zurück in die Halle, wo Franz in einem gesonderten Raum den Paketinhalt in Augenschein nehmen soll. 

Alter Bekannter. Der DHL-Mann
DHL-Ramadan

Während Mareike und Ahssan in der Halle warten, taucht ein Gendarm auf. Er fragt erst Ahssan, dann Mareike, ob wir Fotos gemacht haben. Franz kommt dazu und wir müssen unsere Telefone öffnen, der Gendarme überprüft die Bilder und hat uns ertappt. Franz hat gleich mehrere Bilder vor Ort gemacht, Mareike nur eins, aber egal wie viele: es ist total verboten, dort zu fotografieren. Es ist das erste Mal auf unserer Reise, dass uns ein derart blöder Fauxpas passiert. Wir haben nicht realisiert, dass die Ausgabestelle von DHL und der Zoll auf dem Flughafengelände sind und dort ist in Dschibuti das Fotografieren strengstens verboten. Der Gendarm fragt, warum wir die Bilder gemacht haben, wir beteuern nur Touristen zu sein und keinerlei böse Absicht zu haben. Die Bilder werden gelöscht, die Handys bleiben beim Gendarmen, der nun aufgeregt mit jemandem telefoniert. Während Franz und Ahssan weiter von Büro zu Büro ziehen, bleibt Mareike betreten neben dem Gendarme stehen. Wir fühlen uns wie kleine Kinder, die ertappt worden sind und es fühlt sich gar nicht gut an. Nach langem Palaver am Telefon gibt der Gendarme Mareike, die sich noch tausendmal entschuldigt, die Telefone zurück. 

Nach insgesamt etwa 2 Stunden Büro-Hopping viel Palaver mit hoch engagierten oder müde auf ihren Handys tippenden Mitarbeiternen halten wir dann schließlich unser Paket in den Händen und fahren heimwärts.

Ein Unterwant später

Der Tausch des Unterwants klappt am nächsten Tag problemlos und so können wir auch noch eine Tour Richtung Einkaufszentrum in Angriff nehmen.

Der Einfachheit halber und um Fred zu schonen, lassen wir uns von Ahssans Assistenten abholen und machen uns vom Dinghy-Dock aus zu Fuß auf den Weg.

Der Hafenbereich von Dschibuti ist rau und arm, der Fußweg zum Einkaufszentrum geht an einer großen Straße entlang - natürlich ohne wirklichen Fußweg. Am Wegesrand wird im Staub der Straße Fisch verkauft.

Das Einkaufszentrum erscheint danach wie eine andere Welt. Neben Modegeschäften und dem riesigen Supermarkt gibt es auch ein paar Banken. Es warten unglaublich viele Menschen darauf, eingelassen zu werden - vielleicht ist Zahltag? Vor einer Bank bricht auf einmal ein Tumult aus, es kommt zu Handgreiflichkeiten, die von der dazukommenden Gendarmerie irgendwie wieder beruhigt werden. Wir wissen nicht, worum es ging, sind betroffen von dem Vorfall, der viele Hypothesen zulässt und fühlen uns sehr fremd.

Nachdem keiner der vielen Bankautomaten bereit ist, uns lokale Währung auszuhändigen, fällt ein Taxi zur Rückfahrt zur Marina aus. So überlegen wir sehr genau, was wir wirklich brauchen und auch zurück tragen können.

Der Rückweg fordert nicht nur die Rückenmuskulatur sondern auch unsere Abwehrfähigkeiten. Zahlreiche Kinder kommen uns entgegen und laufen mit uns mit. Natürlich haben wir im Laufe unserer Reise immer wieder sehr arme und auch bettelnde Menschen erlebt, aber hier ist es anders. Die Kinder ziehen an den Taschen und versuchen etwas herauszugreifen, Franz muss seine Kette mit dem Walflossen-Anhänger aus Tonga verteidigen. Wir verteilen ein paar Dollar, aber das beruhigt die Lage nicht wirklich. 

Wir fühlen uns erneut schlecht und unbeholfen und freuen uns, als wir endlich an der Marina angekommen sind. 

Dort geht es aber weiter. An der Pforte zum Dinghy-Dock warten ein paar Männer, die sich fast darum prügeln, unsere Taschen die zehn Meter zum Dock zu tragen, um natürlich etwas dafür zu bekommen. Franz drückt jedem eine Getränkedose in die Hand und wir warten auf unser Dinghy-Shuttle. 

Die Stimmung ist ein wenig gedrückt. Wir haben eigentlich keine Idee, wie man sich in diesen Situationen richtig verhält. Es ist nicht so, dass es uns immer schwer fällt mit Armut umzugehen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen, aber dieses totale Bedrängtwerden ist uns fremd.

Omnipräsent: Die Armut
Omnipräsident: Ismaïl Omar Guelleh

Zurück auf Holly verstauen wir unsere Schätze und schauen zum zigsten Mal, wo sich unsere Watermaker-Membran befindet, die laut UPS-Express schon längst in Dschibuti angekommen sein sollte. Allerdings hängt sie laut Tracking seit Tagen in Nairobi fest. Wir sind ein bisschen frustriert. Natürlich könnten wir Holly mit Wasser beladen und ohne funktionierenden Wassermacher weiterfahren. Allerdings ist überhaupt nicht abzuschätzen, wie lange wir im Roten Meer in irgendwelchen Buchten zu starken Gegenwind abwettern müssen. So ist es nicht leicht zu kalkulieren, wann wir wieder Zugang zu Trinkwasser bekommen und wieviel Wasser wir mitnehmen müssten. Die unglaubliche Lösung des Problems liegt ein paar Schiffslängen hinter uns auf der französischen Oatenec: Milena und Nicolas haben tatsächlich den gleichen Wassermacher wie wir UND eine Ersatzmembran an Bord. Diese möchten sie uns gerne abtreten, damit wir mit dem geplanten Konvoi durch Bab AL Mandab segeln können. Wie toll ist das denn? Also verbringen wir den letzten Tag in Dschibuti mit dem Wechsel der Watermaker-Membran und ja … auf einmal ist wieder ein bisschen Salzwasser in der Bilge. Es ist zum Verzweifeln! Wir drehen das Schiff auf Links und müssen feststellen, dass an genau der gleichen Stelle wie im letzten Jahr, nämlich am Ruderkoker wieder etwas Wasser reinkommt. Das Problem hat Franz erstmals in Fidschi enttarnt und gelöst … und nun ist es leider wieder da. Nach einer kurzen, leicht hysterischen Episode von Mareike beschließen wir, dass die Wassermenge nicht bedrohlich ist und wir dieses Problem jetzt und hier einfach nicht lösen können. Tschakka!

Innere Kenterung: Das Unterste zuoberst

Die Zeit drängt. Zwar würden wir eigentlich gerne noch einen Ausflug machen, um zumindest irgendetwas vom kleinen Land Dschibuti zu sehen, aber die Gruppe will weiter ziehen. Alle in der Bucht vor Anker liegenden Crews sind miteinander vernetzt und ein Wetterfenster steht auch schon vor der Tür. 

Also versuchen wir am letzten Abend Holly irgendwie wieder passagefein zu bekommen. Ahssan liefert uns noch Diesel, klariert uns offiziell aus und bringt spät abends noch Wasser, das wir aus etwas dubiosen Kanistern in unseren Tank umfüllen. So ganz wohl ist uns nicht dabei, aber der Tank ist leer und noch können wir nicht sicher sein, dass der Watermaker auch tut, was er soll. Also Augen zu und durch. Unterdessen ist es dunkel und spät. Ahssan wird für seine Dienste bezahlt und wir verabschieden uns von unserem - unterdessen von den Blättern der Kath-Pflanze komplett berauschten - Agenten. 

Am 12. März wird morgens nach nur vier Tagen in Dschibuti der Anker wieder hochgezogen und es geht in die wohl aufregendste Etappe unserer Reise, vorbei an Bab Al Mandab ins Rote Meer: Stay tuned!

Schönheit: Frachtschiff im Hafen von Dschibuti

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