Holly Golightly

#142
Golf von Aden

Krieg am Horizont – Segeln im Kriesengebiet

  • Reisegeschichten

Es geht voran! Unser Freund der Wind weht, bläst uns den ersten Tag mit 20 kn zügig Richtung Nordwest. Als dann seine Motivation ein klein wenig nachlässt, geschieht das Unfassbare – wir überholen unter vollen Segeln die Lady Jane, die sonst dank der größeren Segelfläche immer etwas schneller unterwegs ist. Andererseits muss sie aufgrund ihrer Größe auch dreimal so viel Gewicht bewegen, was uns bei weniger starken Winden einen klaren Vorteil verschafft.

Wird schon gut gehen!

Am Abend des zweiten Tages erreichen wir den 2009 als Reaktion auf die somalische Piraterie eingerichteten Internationally Recommended Transit Corridor (IRTC) im Golf von Aden. Der IRTC ist etwa 21,5 km breit. Auf der nördlichen Spur tuckern dicke Pötte Richtung West, im Süden Richtung Ost. Uns wird empfohlen den 3,5 km breiten Mittelstreifen zu nutzen – was wir auch brav befolgen.

Alle Schiffe, die hier unterwegs sind, werden von der UKMTO überwacht – auch wir senden täglich unsere Position an die Leitstelle in Dubai. Zusätzlich wird die Region von Kriegsschiffen aus vielerlei Nationen streng überwacht. Diese Hauptschlagader der Schifffahrt ist für den Pulsschlag der Weltwirtschaft schon extrem wichtig. Wir schwimmen nun mittendrin, wie ein winzigkleines Blutkörperchen und fühlen uns dort doch viel sicherer, als vorher gedacht. Einer der uns auch gerne hilft ist der Mond: Er gibt alles und erhellt für uns die nächtliche Lage!

Vollmond!

Ein bisschen stressig ist die Tatsache, dass sich im Zickzack auch immer mal wieder kleine Fischerbötchen durch die Hauptschlagader bewegen. Da die Sorge vor Piratenangriffen zwischen Somalia und dem Jemen immer noch vorhanden ist, lassen die arglosen Fischer das Adrenalin einiger schreckhafter Skipper dann doch ab und an hochschnellen und versetzen auch uns in erhöhte Alarmbereitschaft. Ob sie das ahnen? Aufällig ist auch die allgemeine Funkstille hier. Wo sich so viele Schiffe bewegen, ist auch der Traffic im Funkgerät normalerweise hoch. Ganz anders hier. Die Empfehlung der überwachenden Organisationen ist es, nur wenn absolut notwendig miteinander zu kommunizeren.

Fischer oder böse Buben?

Eine weitere Besonderheit: Viele Frachtschiffe haben in ihren AIS-Daten hinterlegt, dass sie bewaffnete Wachen an Bord haben, nur Chiesische oder Russische Crew oder keine Allianz mit Israel oder USA. So überlegt der Holly-Skipper im AIS zu vermerken, dass bei uns ein Rheinländer samt Konfetti-Kanone an Bord ist ... leider läßt sich aber unser AIS-Transponder nicht mal eben so umprogrammieren.

Chinese und Waffen an Bord
Israel??? Kennen wir nicht …

Am dritten Tag macht Gevatter Wind überraschend ein größeres Sabbatical, so dass wir wieder auf fossile Energieträger umschalten müssen – es wird also gedieselt. Dummerweise solidarisiert sich unser Wassermacher mit Gevatter Wind und stellt nun endgültig von Süß- auf Salzwasser um. Da wir so viel Pastawasser nicht benötigen, freuen wir uns darauf die ja bereits bestellte Membran in Dschibuti in Empfang zu nehmen.

Die hohe See hat uns wieder

Parallel zu uns bewegt sich überraschenderweise auch die französische Yacht Oatenec Richtung Dschibuti. Milena und Nicaloas haben wir auf Thursday Island/Australien kurz kennengelernt und sind parallel nach Kupang in Indonesien gesegelt. Nun kommen sie gerade aus Sri Lanka. Das wir sie hier so mitten auf dem Indischen Ozean wieder treffen berührt und freut uns sehr! So fühlt es sich weniger allein an. Wen wir auch treffen - allerdings quasi hautnah - sind ein paar Delfine, die uns einen Moment begleiten und für ein wenig Abwechslung sorgen.

Die Zeit fließt, wie auf einem Gemälde von Dali, zäh dahin. Außerdem ist es unerträglich heiß und die Stimmung an Bord etwas angestrengt. Wir bemühen uns sehr, uns von dem nahen Krieg im Iran nicht zu nervös machen zu lassen, aber hier und da passiert es doch. 
An Tag fünf der zähen Zeitrechnung wird Gevatter Wind wieder aktiv, bläst genau von hinten und so schaffen wir unter 100% Genua genau 111 Seemeilen. Bis zum Ziel sind es jetzt noch 222 Seemeilen – eigentlich der Moment für einen Schnaps!

Großschiffahrt als Eskorte


Die beiden kommenden Tage sollten sich schämen! Der Wind wechselt dauernd, so dass wir x-mal den Spibaum umbauen müssen. Als der Wind dann endgültig einschläft, muss unser alter Volvo-Schiffsdiesel wieder ran. Mareike ist erschöpft und Franz hat Schulter- und Kopfschmerzen. Eine Seefahrt ist eben doch nicht immer schön und lustig! Andererseits bleibt die Lage in der Region ruhig – auch wieder gut!

Der letzte Tag der Überfahrt bringt wieder etwas Wind. Unter Segeln nähern wir uns dem Ziel, so dass wir um halb vier nachmittags in die Ankerbucht vor dem Hafen von Dschibuti einlaufen und froh sind, endlich angekommen zu sein!

Assan (hinten) erklärt die Welt

Der hiesige Agent Ahssan Phoenix Mohamed begrüßt uns fröhlich, lädt uns in sein Motorboot und bringt uns an Land. Seine "Fahrweise" ist recht amüsant: Immer wenn er etwas erzählt – und das ist sehr, sehr häufig der Fall – geht er vom Gas und das kleine Bötchen treibt nur noch dahin. So eiern wir durchs Hafenbecken, hören viele Geschichten und fragen uns, ob wir jemals das Ufer erreichen werden. Dann doch irgendwann angekommen erledigen wir die nötigen Einreiseformalitäten im Hafengebäude der Immigration. Das Drumherum ist sehr industriell und wenig einladend. Die zuständigen Beamten aber sehr freundlich und nett.

Mareike vorneweg
Hafencity in Dschibuti


Als wir wieder an Bord sind, heißt es: Geschafft – nun erstmal ein Bier, einen Wein und ausruhen!

Gastlandflaggenhissungszeromonie :-)

Werde unser Mailtrose und verpasse keinen Eintrag mehr!

Lass dich automatisch benachrichtigen, wenn ein neuer Artikel veröffentlicht wurde und erfahre zuerst, wenn es etwas Neues bei uns gibt.

Datenschutzbestimmungen
Alle Einträge →