Holly Golightly

#145
Suakin/Sudan

Es war einmal eine Stadt aus Tausendundeiner Nacht

  • Reisegeschichten

Nähert man sich der sudanesischen Stadt Suakin per Schiff – wie einst Sinbad der Seefahrer – so wähnt man sich in einem dystopischen Film. Wohin man auch schaut, alles liegt in Trümmern, ist kurz vor dem Zusammenbruch oder in einem bedauerlichen Zustand. Anfangs hat man den Verdacht, Zeuge von Kriegsfolgen zu sein, was im Sudan ja recht naheliegend wäre. Dem ist aber nicht so. Tatsächlich war Suakin vom 15. bis zum 19. Jahrhundert der wichtigste Hafen an der afrikanischen Küste des Roten Meeres und somit eine blühende arabische Hafenstadt. 1869 hatte die Stadt um die 8000 Einwohner. Kamelkarawanen brachten Kaffee aus Äthiopien, Elfenbein, Gummi arabicum, Straußenfedern aus Kordofan und Vieh und Häute in die pulsierende Stadt. All das zwischen damals prächtigen arabischen Palästen, duftenden Märkten, Straßen voller Händler und vermutlich fliegenden Teppichen :-)

Was übrig blieb von 1001 Nacht – Die Altstadt von Suakin
Hoch die Gastlandflagge
Holly vor Suakin

Die Briten, die 1904 hier noch munter den Kolonialherren gaben, beschlossen dann jedoch, dass 60 Kilometer nördlich der weit besserer Platz für einen Hafen sei. Dies war die Geburtsstunde von Port Sudan und das Todesurteil für Suakin. Ab diesem verhängnisvollen Datum kehrten immer mehr Bewohner und Kaufleute Suakin den Rücken und suchten ihr Glück und ihren Profit im neuen Port Sudan. Die leer stehenden Häuser, mehrheitlich herrschaftliche, zweigeschossige Bauten mit großen, schönen Holzbalkonen im arabischen Stil, verfielen langsam und brachen nach Jahrzehnten desillusioniert in sich zusammen. So erklärt sich das aktuelle Trümmerfeld, das für die hier noch lebenden Menschen jedoch mittlerweile völlig normal zu sein scheint. Einige Moscheen, einfache Wohnhäuser und Zweckbauten haben mühsam überlebt – aber den einstigen Zauber kann man bestenfalls noch erahnen.

Suakin, 1928 [Quelle: Wiki]
Camouflage wiederwillen
Sesam, öffne dich? Lieber nicht!
Vermutlich für immer geschlossen

Die Einwohner hier haben somit tatsächlich ein Problem mit dem Stadtbild, allerdings stehen sie selbst im krassen Widerspruch zu dem morbiden Umfeld. Wir haben selten so nette, aufgeschlossene, kontaktfreudige und begeisterte Menschen erlebt. Da Suakin keinerlei Tourismus kennt, fallen wir hier natürlich auf wie die berühmten bunten Hunde. Wir werden jedoch nirgends angefeindet oder angebettelt. Im Gegenteil – alle 20 Meter müssen wir mit großen und kleinen Grüppchen Selfies machen, alle grüßen uns, lachen uns an oder schenken uns sogar eine Kleinigkeit. Ein älterer Sudanese erzählt uns in gutem Englisch ein paar Dinge über Suakin und lädt uns dann später sogar auf einen Tee zu sich nach Hause ein!

Zum Tee eingeladen
Einladung zum Tee – zu Gast bei Freunden
Wellcome to Suakin!!!

Die Gastfreundschaft der Menschen hier ist überwältigend! Man stelle sich das mal in Deutschland vor: Ein offensichtlich sehr fremder Mensch wird überall freundlich und überschwänglich gegrüßt und dann zum Essen eingeladen???

Das ist wohl noch utopischer als eine zu 99% pünktliche Deutsche Bahn!

Foto bitte!
Und jetzt alle!
Wir grüßen die Welt
Daumen hoch!
Familientreffen
Freundschaft!!
Très Chique

Die Zeit im geschützten alten Hafen von Suakin, der einem Binnensee gleicht, nutzen wir auch um unser defektes Vorstag weiter zu verarzten. Mit Hilfe der Besatzung der Rainbow, einer dänischen Crew, wird der Skipper wieder mal schwungvoll an die Spitze unseres Gott sei Dank noch aufrechten Mastes gezogen. Es gilt zu checken, ob die Notreparatur hält und die Genua zu bergen. Ohne diese hängt nämlich wesentlich weniger Last am Vorstag, was diesem das Leben deutlich erleichtert. Oben angekommen stellt Franz fest, dass das Flickwerk hält und wir damit weiter können – jedoch nur noch unter Großsegel. Die Genua bergen wir auch und freuen uns über die dänische Hilfe!

Auch in Suakin haben wir einen Agenten. Er heißt natürlich Mohamed, ist schon ein wenig älter und eine sehr würdevolle Erscheinung. Von ihm bekommen wir jeden Morgen kostenlos frisches, leckeres Fladenbrot im Überfluss, aber auch Diesel und einheimische Währung direkt ans Boot geliefert. Mit dem sudanesischen Pfund ist es so eine Sache – ein Pfund entspricht 0,0015 Euro. Tausend Pfund sind somit offiziell ca. 1,50 €. Kurioserweise gibt es ausschließlich 1000 Pfund-Scheine – Münzen sind gar nicht im Umlauf. Alles, was man kauft, bezahlt man also mit 1000er-Scheinen. Das führt dazu, dass man bei einem Großeinkauf mal eben um die 100 Scheine auf die Theke blättern muss, was immer wieder umständlich und langwierig ist. Ein Großeinkauf ist hier auch eher unüblich, Supermärkte, wie wir sie kennen, ebenfalls.

Ein Schein für alles: 1000 Sudanesische Pfund

Um die hier ankernden Yachten zu versorgen, organisiert Mohamed eine Gruppenfahrt in ein Einkaufszentrum. Dieses ist ungefähr 100 qm „groß“ – verglichen mit europäischen Supermärkten also doch recht kompakt, hier jedoch der reine Luxus, da der Sudan nun leider zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Wir ahnen, dass die meisten Produkte, die wir ganz selbstverständlich in den Einkaufswagen schichten, für den Durchschnitts-Sudanesen schier unerschwinglich sind. Schließlich liegt das durchschnittliche Nettoeinkommen bei 180 bis 190 € im Monat.

nu… oder Max… – das ist hier die Frage
Marken, die man kennt
Produkte, die sich hier kaum einer leisten kann
Onstreet statt Online, …
… Sonnenbrillenkauf
Der Skipper mit jungen Followern

Nach dem Besuch im „Einkaufszentrum“ geht es weiter auf einen einheimischen Markt, da es Obst und Gemüse nur hier gibt. Der Markt ist groß und bunt und gemessen an europäischen Hygienestandards ein Desaster. Das Verrückte daran: Das Obst, das wir hier spottbillig bekommen, ist qualitativ fast immer wesentlich besser als die Ware, die in Deutschland unter dem Vorwand „Wir lieben Lebensmittel“ angeboten wird!

Der Obst -und Gemüsemarkt: Raue Schale, …
… köstlicher Kern …
… und unschlagbar günstig!
Zimmer frei …
… mit Aussicht

Am kommenden Tag unternehmen wir mit ein paar anderen „Yachties“ einen Ausflug per Pedes durch die „Hafencity“ von Suakin. Wir Seefahrer und Seefahrerinnen werden wie immer umlagert von den Einheimischen. Unser Star ist eine junge Französin, der enorm viel Wertschätzung von den jungen Sudanesen entgegengebracht wird. Andererseits sind aber auch die jungen Sudanesinnen unglaublich anmutig und so schön, dass einem ganz schwindelig wird. Eine der jungen Schönheiten eröffnet Franz, dass sie davon träumt nach Deutschland zu reisen – worauf dieser sich im Stillen wünscht, dass ihr diese Erfahrung hoffentlich erspart bleibt. Der Gedanke, wie diese freundlichen und warmherzigen Menschen bei uns behandelt würden, ist schlichtweg nicht zu ertragen. Andererseits ist die Armut und Perspektivlosigkeit, die im Sudan herrscht, ebenfalls nur schwer zu ertragen – wäre doch der Reichtum der Welt nur etwas gerechter verteilt!

Bitte lächeln!
Sind wir auch alle schön?
Ihr Traum: Deutschland
Ein Selfi bitte!

Ein sehr besonderes Event dürfen wir hier dann auch noch erleben: Eid al-Fitr (arabisch: عيد الفطر), also das Ende des Ramadan. Ausgelassen wird gefeiert, und viele kleine Feuerwerke begleiten die große Party.

Nach vier Tagen in diesem surrealen Paralleluniversum wagen wir uns wieder hinaus aufs Rote Meer. Ismailia, „nur“ ca. 1000 sm entfernt, eine Marina und Stadt im Suezkanal, wird unser nächstes großes Etappenziel sein.

Bilder, Bilder, …

Nach dem Freitagsgebet (arabisch Salāt al-Dschuma)
Der Boss fährt Tuktuk
Born to be wild
Wasser-Bringdienst
Online
(Noch) offline
Hand drauf
Das Hemd!
Besitzerstolz
Aller guten Dinge sind Drei
Form & Farbe
Abendstimmung im Morgenland
Große Armut in den …
… Randbezirken

Werde unser Mailtrose und verpasse keinen Eintrag mehr!

Lass dich automatisch benachrichtigen, wenn ein neuer Artikel veröffentlicht wurde und erfahre zuerst, wenn es etwas Neues bei uns gibt.

Datenschutzbestimmungen
Alle Einträge →