Socotra – einsame Schönheit im Golf von Aden
Auch die innigsten Beziehungen kommen einmal zu einem Ende. So geschehen vor Millionen von Jahren, als sich die afrikanische und die asiatische Kontinentalplatte anfingen, zu entfremden. Der Vorgang verursachte einen tiefen Riss in der Beziehung – heute als Rotes Meer bekannt. Aber auch ein eher kleines Stück Land trennte sich damals selbstbewusst von Afrika und machte sein eigenes Ding. 233 km liegen heute zwischen der Insel Socotra, die zum Jemen gehört, und der Küste Afrikas. Die konsequente Absonderung wurde von der Evolution gnadenlos ausgenutzt und lässt Socotra in Sachen endemischer Arten heute in einer Liga mit Galapagos und den Seychellen spielen. So ist auch das Wahrzeichen der Insel - der Drachenbaum - einmalig auf der Welt und nur hier zu finden. Damit aber nicht genug: 37 Prozent der hier vorkommenden Pflanzen sowie 90 Prozent der Reptilienarten gibt’s tatsächlich nur hier!
Solchermaßen gespannt auf die Einzigartigkeit der Insel, buchen wir zusammen mit Kerstin und Jürgen über unseren lokalen Agenten Ghanem einen Ausflug in die Bergwelt von Socotra. Wir bekommen einen netten Fahrer – der bedauerlicherweise kein bisschen Englisch kann – und einen schon etwas in die Jahre gekommenen Toyota Land Cruiser zur Verfügung gestellt.
So ausgestattet machen wir uns auf den langen Weg ins Inselinnere. Während in der trockenen und heißen Küstenebene die Vegetation recht spärlich gedeiht, wird es, je höher wir kommen, immer abwechslungsreicher und tatsächlich auch bunter. Der Platzhirsch unter den Gewächsen ist eindeutig der schon erwähnte Drachenbaum.
Mit seiner ikonischen Form und seiner Größe prägt er das Erscheinungsbild der Insel recht nachhaltig. Aus seinem Harz, als Drachenblut bekannt, wird u. a. Weihrauch hergestellt. Neben und und unter ihm gibt es aber noch jede Menge anderer Pflanzen und Tiere zu bestaunen. Besonders auffällig sind die Dorstenia gigas, die mit ihrem absurd dicken, als Wasserspeicher dienenden Stamm, alle Verfechter der guten Proportion zur Verzweiflung bringen. Besonders wenn sie blühen sind sie, trotz ihrer ausgeprägten Adipositas-Optik, durchaus hübsch anzuschauen.
Unser Fahrer kann uns leider zu all den schönen Pflanzen und Besonderheiten am Wegesrand in Ermangelung englischer Sprachkenntnisse keine Auskunft geben. Selbst wenn wir Arabisch könnten, würde das nichts nützen, da die Einwohner hier eine ganz eigene Sprache sprechen, die noch nicht einmal über Schriftzeichen verfügt. Allerdings hat er auch alle Hände voll zu tun mit dem älteren Toyota. Die „Straßen“ sind zum Teil nur sehr grobe Geröllpisten und extrem steil in den Fels gehauen – mehr Gelände und steiler geht es kaum noch. Zwischendurch kommt der Land Cruiser dann immer mal wieder an seine Grenzen und bleibt spontan einfach mal stehen. Während wir dann das Standbild um uns herum bewundern, versucht der Fahrer die richtige Kombination aus Gang, Untersetzung und Differentialsperre zu finden. Nach mehreren Versuchen der Gangfindung und interessanten Geräuschen aus dem Getriebeinneren geht’s dann aber doch immer wieder weiter. Darauf, dass alles nicht ganz reibungslos läuft, deutet ebenso der olfaktorische Beitrag der Kupplung hin: Es stinkt furchtbar!
Wie auch immer – wir kämpfen uns voran und erreichen nach ein paar Stunden Fahrt einen schön gelegenen „Rastplatz“ unter den Drachenbäumen. Nun hat der Toyota Pause und wir vier erklimmen einen kleinen Berg per Pedes, was in der Hitze doch recht anstrengend ist. Oben angekommen bietet sich eine wunderbare Aussicht über das bergische Land.
Nach einer kleinen Pause und Erfrischungen steigen wir wieder ins erholte Geländeauto und weiter geht es! Bei unserem nächsten Halt an einem Ort mit ebenfalls bemerkenswerter Aussicht erwarten uns drei junge Mädchen in der Hoffnung uns Kleinigkeiten verkaufen zu können. Mareike kommt mit ihnen ins Gespräch und sie freuen sich sichtlich über so viel Interesse und Aufmerksamkeit.
Halt Nummer drei gleicht einem alten Wildwest-Film: Unter einigen großen Drachenbäumen tummelt sich eine lustige Gesellschaft aus Ziegen, großen Geiern und ein paar mutigen Nebelkrähen. Alle lassen sich kaum von unserer Anwesenheit beeindrucken. Wir allerdings sind schon beeindruckt – wo fliegen so große Vögel schon direkt in Augenhöhe an einem vorbei??
Als netter Abschluss des Tages sind wir dann bei unserem Agenten Ghanem zum Essen eingeladen. Unser Fahrer hat davon allerdings keine Ahnung, setzt uns am Hafen ab und und holt uns später auch nicht mehr ab – schade eigentlich! Als Trostpreis bekommen wir dann später noch ein paar Reste vom Buffet an den Steg gebracht, was uns aber nur bedingt tröstet. So geht der eigentlich extrem spannende Tag dann doch etwas bescheiden zu Ende. Immerhin genießen wir die Reste vom Buffet zusammen mit Kerstin und Jürgen im Cockpit von Holly Golightly.
Tags darauf geht es mit demselben Team wieder auf Tour: Die Crews von Holly, Lady Jane, ein müder Toyota und ein des Englischen immer noch unwissender Fahrer. Der Toyota hat es heute leichter – es geht nur wenig bergauf und bergab. Wir dagegen müssen heute ganz hoch hinaus, um dann ganz tief hinein zu können. Des Rätsels Lösung: Hoch oben an der Bergflanke befindet sich der Eingang zu einer gewaltigen Tropfsteinhöhle.
Ein lokaler Führer springt leichtfüßig voran und wir schwer atmend hinterher – es ist nämlich sehr warm und der Aufstieg stellenweise recht steil. Einige Verschnaufpausen später erreichen wir den Höhleneingang und staunen über die enorme Größe. Die Höhle soll vier Kilometer tief sein aber für uns ist nach anderthalb Kilometern erst mal Ende im unterirdischen Gelände. Diese eigentlich stockfinstere Welt ist unglaublich beeindruckend. Wir schätzen, dass sie bis zu 50 Metern hoch ist und sind uns einig, dass wir alle so etwas noch nie gesehen haben.
Außer uns ist niemand da und so können wir die totale Ruhe und Atmosphäre des gewaltigen Naturbauwerks ganz intensiv auf uns wirken lassen. Nach ca. einer Stunde hat uns das sonnige Tageslicht wieder und es geht bergab. Unten angekommen gönnen wir uns eine kleine Verschnaufpause unter dem Vordach eines kleinen Neubaus. Während wir so vor uns hin dösen und den Blick schweifen lassen, entdecken wir eine Art Gedenktafel, die verkündet, dass dieses Gebäude mit Fördergeldern der deutschen KFW-Bank errichtet wurde! Donnerwetter – wir staunen nicht schlecht, wo überall in der Welt die deutsche Penunze fließt. Leider ist das kleine Haus geschlossen und welchen Zweck es nun erfüllt, erschließt sich auch nicht so ganz. Nun ja, immerhin war der Schatten, den wir genossen haben von der Heimat gesponsert – danke dafür!!
Nicht nur in Sachen Entspannung ist der nun folgende Programmpunkt der Knüller. Wir fahren zu einem Strand, der definitiv einer der spektakulärsten unserer Reise ist. Kilometer lang, kristallklares Wasser, weißer Sand und dahinter die spektakuläre Kulisse der Riesendünen. Als Bonus gibts noch Süßwasser zum Duschen, das frisch vom Bergmassiv hinunter geplätschert kommt. Außer uns hat sich noch ein Pärchen mit Zelt hierhin verirrt – ansonsten ist hier niemand. Kilometerweise Traumstrand für nur sechs Menschen – einfach unglaublich!!
Am Abend sind wir dann wieder bei unserem Agenten Gahnem zum Essen eingeladen – diesmal klappt es auch und wir genießen ein reichhaltiges und sehr leckeres Büffet in seinem Zuhause. Dieses ist im typisch arabischen Stil angelegt, also ein Haus mit hoher Mauer drumherum und einem schönen Innenhof, der das eigentliche „Wohnzimmer“ darstellt. Hier sitzen wir also auf großen, orientalischen Teppichen mit dicken Kissen und lassen uns von den Damen des Hauses und seinen Söhnen bedienen. Ghanems Töchter bringen die Speisen, seine Frau bekommen wir aber nie zu sehen – für uns schon ein etwas befremdlicher Umstand.
Langsam denken wir ans Weitersegeln und benötigen dafür wie immer Proviant. Ein abendlicher Ausflug ins nahe Städtchen soll für Abhilfe sorgen. Dort angekommen, erleben wir wieder mal, wie die arabische Welt abends zum Leben erweckt. Alles ist hell erleuchtet, viele Menschen wimmeln umher, und der Auto- und Scooterverkehr erreicht seinen täglichen Höhepunkt. Das Warenangebot ist überschaubar, aber gut. Was uns dann aber in die Quere kommt, ist seltsam: Niemand will unser Geld! Mangels lokaler Währung möchten wir mit Dollar bezahlen, was theoretisch auch möglich ist. Die amerikanische Penunze wird jedoch nur knick- und knitterfrei akzeptiert! Unser Cash ist allerdings in einem gewissen Vintage-Zustand und wird so nicht gerne gesehen. Der kleine Rest lokales Geld reicht für fast nichts – wir geben es Jürgen, der damit an einem Büdchen am Wegesrand ein paar Schachteln Zigaretten kauft.
Um doch noch das Nötigste zu bekommen, beauftragen wir den Bring- und Lieferservice Gahnem. Der liefert prompt und zuverlässig und ist mit unseren Vintage-Dollars sehr zufrieden.
Unser defektes Unterwand zeigt leider keinerlei Selbstheilungstendenzen – so bestellen wir in Deutschland ein Neues und lassen dies an unser nächstes Ziel liefern: Dschibuti. Da unser Wassermacher bzw. dessen Filtermembran auch langsam ihr Leben aushaucht, bestellen wir auch diese in der Heimat und hoffen, dass sie den weiten Weg an unser nächstes Ziel findet.
Eine Tatsache, die uns und allen anderen Seglern um uns herum sehr nervös und ratlos macht, ist der Kriegsbeginn im Iran. Da der Golf von Aden und die Einfahrt in das Rote Meer ja eindeutig zu den vulnerablen Gebieten im nahen Osten gehört, haben wir alle große Sorgen, dass die Lage auch dort eskaliert und wir alle für unbestimmte Zeit irgendwo stecken bleiben oder schlimmsten Falls zur Zielscheibe irgendwelcher durchgeknallter Milizen werden. Danke Herr Trump für den Extra-Thrill, den hier keiner braucht!!
Mit etwas flauem Gefühl im Magen brechen wir am Morgen des 28.02.2026 zusammen mit unseren Freunden von der Lady Jane, Kerstin und Jürgen auf. Ca. 700 Seemeilen durch den Golf von Aden liegen vor uns. Dschibuti wir kommen – hät ja immer noch Jod jejangen …
Bilder, Bilder, …